Abkühlung

Eigentlich hätten wir es wissen müssen – schließlich lebten wir schon fast ein Jahr in Jerusalem – einer Stadt, in der sich die Gegensätze dieses kleinen Landes aufs Engste ballen: von orthodoxen bis atheistischen Religionen, von liberalen bis konservativen Politiken – alles gewürzt mit einer Mischung aus amerikanisiertem Orient und in der Luft flimmernd die steten Auseinandersetzungen zwischen Israelis und Palästinensern.

Ja, wir hätten es wissen müssen – schon als wir nur Kopfschütteln ernteten, wenn wir von unserem Vorhaben erzählten: In den Semesterferien wollten wir Israel mit dem Fahrrad erkunden. In Israel fährt man nämlich kein Fahrrad; wenn, dann machen das nur Deutsche und Holländer. Es war vielleicht verrückt, aber wir waren in dem Alter, wo man verrückt sein konnte – und es Spaß machte, zu zweit doppelt so viel. Nur die eine verrückte Sache…das hätten wir wissen müssen.

Es war auf unserer Nordtour. An diesem Tag kamen wir endlich an unserem Etappenziel in Haifa an. Verschwitzt und müde waren wir. Uns lechzte nach einer Abkühlung im Mittelmeer. Doch in einer Hafenstadt, wie Haifa ist es alles andere als einfach, mal eben schnell einen Strand zu finden. Im Hostel sagte man uns, der nächste Strand sei nur zehn Minuten entfernt, und wir hätten Glück, heute sei Frauentag. Wir freuten uns über unser Glück etwas verwundert…

Am Strand angekommen, erfuhren wir was „Frauentag“ heißt. Es war ein Strand für orthodoxe Juden; das heißt Männer und Frauen strikt getrennt, nicht nur tageweise, sondern auch im Wasser. Nachdem wir die Kasse an der Pforte passiert hatten, sahen wir, wie sich auf der linken Hälfte des kleinen Sandstückes eine Menge von Frauen tummelte. Erkennbar als orthodoxe Jüdinnen daran, dass sie in langen wallenden Kleidern im Wasser standen mit einem Badeturban auf dem Kopf. Das Paradoxe an der ganzen Angelegenheit war, dass ein Mann die Badeaufsicht hatte und in smarten Badeshorts auf einer Art Surfbrett durch die Menge ruderte. Wirklich abgeschirmt von Männerblicken war dieser Strand wahrlich nicht. Denn hinter dem hohen Bretterzaun hatte ein militärischer Kontrollposten besten Überblick über die Frauen.

Wir fanden es spannend und lustig zugleich und suchten uns einen Liegeplatz auf der Seite, die so gut wie leer war. Nur eine Frau hatte dort ihr Lager aufgeschlagen – im Bikini; wir vermuteten, dass sie wie wir Europäerin war und fühlten uns gleich nicht mehr ganz so wie Außerirdische.

Wir gingen wir immer ins Wasser; das hieß, eine passte auf die Sachen auf, die andere verschaffte sich Abkühlung. Dieses Mal durfte ich zuerst. Ohne Nachzudenken steuerte ich auf die leere Wasserhälfte zu – herrlich allein auf diesem Stück Strand. Ich nahm ein paar Schwimmzüge und ließ mich dann auf dem Rücken treiben. Schmeckte das salzige Wasser, blickte in den typisch wolkenlosen Israelhimmel und hörte im Hintergrund das Gewimmel auf der anderen Strandhälfte. Doch irgendwie waren die Geräusche gar nicht so sehr im Hintergrund, vielmehr schob sich eine besonders in den Vordergrund – über Lautsprecher. Es dauerte eine Weile, bis ich kapierte, dass ich gemeint war. Und da war auch schon der Bademeister mit dem Surfbrett vor mir. „Ach ich hätte es doch wissen müssen“, dachte ich, „natürlich darf ich als Frau nicht auf der Männerseite schwimmen, auch wenn heute Frauentag war.“ So schwamm ich also hinüber. Doch als ich die Grenze passiert hatte und ins Frauengewimmel einstieß, stob die Menge mit erregtem Gekreische auseinander.

Scham stieg in mir auf. Erst jetzt wurde mir bewusst: „Oben ohne darf man niemals – nie und nimmer! – an einem orthodoxen Strand ins Wasser gehen. Im aufgeklärten Israel, in Eilat, in Tel Aviv mag das gehen – aber doch nicht hier, wo alle Frauen knöchellange Badeanzüge tragen!“ Wir hatten ja aber auch gar keine Badebekleidung mit. Auf einer Fahrradtour packst du nur das Nötigste ein und gebrauchst Kleidung in doppelter Funktion. Doch Entschuldigungen waren jetzt fehl am Platz. Ich flüchtete aus dem Wasser, meine Brust mit den Armen bedeckt. Noch nie habe ich mich so dumm gefühlt.

Doch nun wussten wir, was wir doch eigentlich hätten wissen müssen.

Wir waren um eine Erfahrung reicher und die orthodoxen Jüdinnen vielleicht auch…

Dayana H.