Begegnungen in Israel

Viel älter als siebzehn wird sie wohl nicht sein die junge Frau mit ihrem Säugling, den sie an ihr Herz gedrückt hält, wie sie da dicht an der Klagemauer steht mit ihrer schwarzen Haarhaube, dem schlichten, schwarzen Kleid, das ihr bis fast zu den Füßen reicht, der weißen Bluse und den flachen schwarzen Schuhen, die so typisch sind für die orthodoxen verheirateten Frauen. Zu Hunderten sehe ich sie hier in Jerusalem mit der immer größer werdenden Schar ihrer Kinder um sich herum.

Was ist es, das mich so anspricht, an dieser einen hier? In der Hand hält sie ein Gebetbuch. Sie ist völlig vertieft und gesammelt beim Lesen der uralten Texte und neigt sich immer wieder der Mauer zu, berührt sie beinahe liebevoll-sacht mit ihrer Stirn. Erst als das Kindlein zu weinen beginnt, stellt sie sich etwas weiter nach hinten, ohne aber das betende Lesen zu unterbrechen.

Ich muss nun doch schmunzeln: das kleine Mädchen, in seine weiße Decke gewickelt, wird wohl müde sein, mit kleinen Äuglein gegen die Sonne gähnt es nach Herzens Lust und weiß nichts von Gebet, noch Klage; denn seine Mutter ist da, hält es fest und sorgt doch ohne Sorge für alles Nötige, während sie ihre volle Aufmerksamkeit dem Gebet schenkt.

Das Bild dieser Frau mit ihrem Kind lehrt mich etwas. Ich spüre eine große Erleichterung. Unser Gespräch mit dem Ewigen hat selbstverständliche Priorität, ist wie Ausatmen und Einatmen ohne Hast.

Unser jüdischer Reiseführer erklärte uns, dass das Beten im Judentum bedeutet, Gebet aus einem Gebetbuch zu lesen. Einige Mitglieder unserer Reisgruppe hielten das für trocken und unpersönlich. Die Begegnung an der Klagemauer in Jerusalem hat mich eines Besseren belehrt.

Später auf dem Tempelberg. Überall sitzen moslemische Männer in kleinen Gruppen und rezitieren aus dem Koran auf den wundervoll verschnörkelten Holzständern. Andere beten oder rufen laute Proklamationen, die für mich aggressiv klingen. Ihre Blicke sind nicht freundlich auf uns gerichtet. Mein Mann und ich gehen gerade die Stufen zum Felsendom hinauf, als eine Gruppe kleiner Jungen im Alter von etwa zehn bis zwölf Jahren uns zum Stehenbleiben zwingt mit der Frage: „Where are you from?“ (Wo kommt ihr her?).

Als wir erzählen, dass wir aus Deutschland und Holland kommen, ist die Reaktion trotzig-heftig: „Das sind alles ganz schlechte Menschen!“ Wir setzen uns zu ihnen auf die Mauer. Ich schaue sie mir genau an in ihrer aufgestachelten Hitzigkeit und lächle ihnen zu. „Wir leben doch alle unter dem selben Himmel, wir atmen die gleiche Luft und in jedem von uns schlägt ein Herz, das lieb haben kann“, sage ich aus einem Gefühl heraus, dieser pauschalen Ablehnung die Spitze abzubrechen. Völlig überraschend lächeln sie zurück und sagen: „Du hast recht, so ist es!“ Dann springen sie fröhlich von der Mauer, geben uns die Hand und rennen davon. Ich spüre eine Welle von Freude, wie wenn die Sonne durch die Wolken bricht.

Für mich waren diese beiden Erlebnisse die eindrücklichsten Momente unserer zehntägigen Israelreise im Juli 2013

Irmintraud T.