Beseelte Orte

Dreimal und zu unterschiedlichen Jahreszeiten bin ich zu Gast in diesem faszinierenden Land gewesen, und von Mal zu Mal wurde die Anziehungskraft größer. In Jerusalem habe ich gewohnt, einen kleinen Fußweg weit vom Herzlberg, Yad Vashem und Jerusalem-Forest entfernt, aber auch fußläufig zur Uni, dem Rosengarten, der Knessed und Montefiore mit dem Blick auf die Altstadt. In diesem Gebiet wird man auf Schritt und Tritt mit der Schönheit der Natur konfrontiert, die vor allem so überwältigend ist, weil sie das „Trotzdem“ erleben lässt, ein Phänomen, das ebenso ein Charakteristikum des israelischen Volkes ist; da ist viel steiniger, trockener Boden, dem kein Leben mehr zuzutrauen ist. Und dennoch kenne ich keine überraschendere Fülle von Blumen und Früchten, die mit und ohne Zutun des Menschen sich entfaltet.

Aber in Naturromantik wird man sich in diesem Land nicht verlaufen, denn es ist immer – in Natur und Kultur, in gegenwärtigem Alltag und in der Erinnerung des Gewesenen — das Dennoch spürbar. Ich habe das in unterschiedlichen Facetten erlebt, und davon will ich berichten.

Ein Ort, der für mich zu den besonderen gehört, ist auch Menschen, die noch nie in Israel waren, durch Medien bekannt; Yad Vashem, die Gedenkstätte für die Holocaust-Opfer. Nicht presserelevant sind darin meine Zielpunkte, z. B.: Ich stehe am Denkmal für Janusz Korczak, dem jüdischen Kinderarzt aus Warschau, der bei seinen 200 Heimkindern blieb, wie er das sein Leben lang getan hatte, so auch 1942 beim Transport nach Treblinka. Ich wende mich um und teile jetzt „seinen Ausblick“; jenseits einer kleinen Mauer liegt weites Land. Gewiss, da ist zunächst die gefährdete Schnellstraße nach Tel Aviv mit dem ausgebrannten Panzer am Rand, aber auch der Weg in die WeIt. Einzelne Zöglinge Korczaks haben es vor diesem Ende bis hierher nach Israel geschafft und sind seither Zeugen für Menschenliebe und ein großer Reichtum für uns Heutige.

Ein anderer, wenig bekannter Ort ist das Ticho-Haus in Jerusalem. Wie eine Oase liegt es nahe vorm Jaffa-Tor, mit Park hinter hohen Mauern, heute als Erbe der Jerusalemer Bevölkerung ein Ort, wo Aussiedler jeden Freitag zu hochqualifizierten öffentlichen Konzerten einladen. Dahin waren meine Freundin und ich mit der Buslinie 18 unterwegs, als ein PKW direkt vor unserem Bus detonierte. Der Busfahrer reagierte schnell, ruhig und umsichtig. Wir sind alle heil aus diesem Bus herausgekommen. Zwei Tage später fuhren wir mit dieser Buslinie zum Gottesdienst und hörten die Predigt zu Römer 14, 7-9:“…darum, wir leben oder sterben, so sind wir des Herren.“ Ich versuche, von den Menschen in diesem gefährdeten Alltag zu lernen.

Um zum Ölberg und nach Gethsemane zu kommen, wählten Barbara und ich den Fußweg vom Jaffa-Tor außen um die Mauern der Altstadt Jerusalems. Dabei entdeckten wir Gallicanto, „St. Peter zum Hahnenschrei“, eine Kirche der Franziskaner an dem Ort, wo der Überlieferung nach ein Stück Passionsgeschichte passierte; Petrus weint beim Hahnenschrei. Jetzt war es Mittagszeit, die Kirche gerade geschlossen, ein Schattenbaum, blühende Sträucher, friedliche Umgebung. Tief unterhalb der Mauerbrüstung sah man in eine arabische Behausung mit spielenden Kindern und Eseln. Wir ruhten aus. Unerwartetes fanden wir dann, als wir später unter den Kirchenbau hinab stiegen: Freigelegte antike Realität: In den Felsgrund hinein gehauen waren Kammern eines Gefängnisses, das zur Zeit Jesu in Funktion war. Von dort aus landeten wir, Hanglage und Ausgrabungsort‚ wieder im Freien. Da war ein Treppenaufgang im Fels hinauf zu einem Stadttor, zur Zeit Jesu in Gebrauch. Unabhängig von den noch offenen Forschungsergebnissen standen wir plötzlich in der Topografie der Passionsgeschichte.

Israel — Heiliges Land??? Ich war in der Grabeskirche, in der viel Touristenrummel und Unheiliges sichtbar war. Ebenso war es in Bethlehem. Ich habe Nazareth, Kapernaum, Tiberias und den See Genezareth besucht und die Taufpilger im Jordan erlebt. Alles beeindruckend, aber mir hat sich hier nirgends das Heilige gezeigt. Daran, dass das alles Touristenhighlights sind, kann es nicht gelegen haben. Denn Massada ist das ebenfalls, und hier erging es mir anders. Und das lag eindeutig an der Führerin unserer Gruppe. Die hat es verstanden, uns mit der Geschichte dieses Ortes in Verbindung zu bringen, gipfelnd in dem auswendig vorgetragenen 37. Kapitel der Hesekiel-Rolle, die als Abschrift da oben gefunden wurde.

Mir hilft es, wenn Ingrid Riedel von „beseelten Orten“ spricht, „wo uns die Erfahrung von Ganzheit ergreift und unsere Psyche in tiefe Resonanz und in Kontakt zu ihren Wurzeln bringt.“ (l. R.) Das kann an allen Orten der Welt passieren, aber ich bin sicher, im „Heiligen Land“ ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß!

Doris K.