Ein außergewöhnliches Weihnachtsfest

Gefühlte 100 verschiedene Ausführungen der Weihnachtsgeschichte habe ich schon gehört, obwohl ich erst 23 Jahre alt bin. Als Kind durfte ich beim Krippenspiel immer die Maria spielen und darauf war ich sehr stolz. Damals hätte ich mir noch nicht träumen lassen können, dass ich einmal den Ort des Geschehens besuchen und diese vertraute Geschichte so hautnah miterleben würde…

Da war ich also, an Heiligabend in Jerusalem. Zu diesem Zeitpunkt war es schon mein dritter Monat im Heiligen Land. Ich hatte mich für ein Freiwilliges Soziales Jahr in Israel entschieden und so kam es, dass ich in einer Wohnung arbeitete, in der Menschen mit Beeinträchtigungen, die rund um die Uhr auf fremde Hilfe angewiesen waren, lebten. Ich lernte sie zu pflegen, zu unterstützen und nicht zuletzt auch sie zu lieben! Sowieso war dieses Jahr von starken Gefühlen geprägt. Freude darüber, nach 13 Jahren Schule mit den Händen arbeiten zu können, das Gefühl der Freiheit, auf eigenen Beinen stehen zu können, Stolz…. Aber auch Wut und Unverständnis über die scheinbar unlösbaren Konflikte zwischen den Menschen die einem Tag für Tag wieder vor Augen geführt werden und Angst und Beklemmung wenn es wieder Nachrichten über herabfallende Raketen aus dem Gaza- Streifen gab.

An diesem Heiligabend des Jahres 2009 sollte mich jedoch nichts von alledem beschäftigen.

Der Abend begann mit einem Gottesdienst in der Dormitio Abbey, wo so viele Menschen versammelt waren, dass man es nur mit Müh und Not überhaupt in das Innere der Kirche schaffte. Dort herrschte rege Betriebsamkeit, aber je weiter die Zeit voran schritt, desto andächtiger wurde es. Nach stundenlangem Stehen machten wir es uns wie viele andere irgendwann auf dem Kirchenboden ein wenig gemütlich. Ich fragte mich, wie ich noch den langen Fußmarsch nach Betlehem schaffen sollte…. Doch einige Fleißige hatten für die müden Beine und hungrigen Bäuche vorgesorgt und es gab im Anschluss an den Gottesdienst leckeren Kaffee und Kuchen zur Stärkung. Mitten in der Nacht ging es dann endlich los. Langsam setzte sich eine Prozession in Richtung Betlehem in Gang, im Gepäck eine Rolle mit Namen, Bitten und Gebeten. Christen aus aller Welt, jeder bestückt mit einer Kerze, mal gut gelaunt scherzend, mal andächtig, wanderten wir aus Jerusalem hinaus, hin zur Geburtsstätte Jesu. Die Dunkelheit erleuchtenden Kerzen, der weihnachtliche Gesang und die ansonsten fast leeren Straßen ließen mir die ganze Situation so unwirklich erscheinen! Nach zwei stündigem Fußmarsch und als der Morgen bereits graute, kamen wir endlich in Betlehem an und besuchten einen weiteren Gottesdienst in der Geburtskirche. Genau wie vor 2000 Jahren Maria und Josef sich an diesem Ort niederließen, setzten sich die meisten von uns wo sie Platz fanden, einfach nur froh die müden Beine ausruhen zu können und ein bisschen gewärmt zu werden. Ich konnte kaum noch die Augen offenhalten, doch dieses Gefühl der Einheit und Verbundenheit, dass sich über uns alle legte und die Tatsache, an diesem wichtigen Ort zu sein, an den sich Christen auf aller Welt in diesen Augenblicken erinnerten, ließ mich große Dankbarkeit verspüren.

Es war die außergewöhnlichste und feierlichste Weihnachtsnacht, die ich bisher erlebt habe!

Josephine R.