Eine Begegnung in Tzefat

1972 befand ich mich als junger Student mit einer kleinen Gruppe auf einer Reise durch den Nahen Osten: Libanon, Syrien, Zypern, am Schluss Israel. Am 4.Tag im Heiligen Land waren wir abends in Tzefat angekommen. Nach dem Abendessen wollte ich im Restaurant des Hotels noch ein Glas Karmelwein trinken und die deutsche Zeitung lesen, die ich unterwegs gekauft hatte.
Vom Nachbartisch blickte ein älteres Ehepaar unverwandt zu mir herüber. Schließlich fragte der Mann: „Sind Sie Deutscher?“ Ich bejahte. „Woher kommen Sie?“ „Aus Bayern, aber nicht aus München, sondern aus Nordbayern.“ „Ach, woher denn da?“ „Aus der Fränkischen Schweiz, das ist zwischen Nürnberg und Bamberg.“ Pause. Dann: „Kennen Sie die Ortschaft Wannbach?“ „Und ob. Mit dem Bürgermeister bin ich befreundet. Fast jede Woche kehre ich in seinem Brauereigasthof ein.“ Die Gesichter der beiden hellten sich auf. „Wir hatten bis 1936 ein Geschäft in Coburg. Sonntags sind wir ganz oft nach Wannbach gefahren, um in der Trubach zu fischen.“ Nach einer Pause: „Wollen Sie sich zu uns setzen?“

Es wurde ein langer, mich sehr nachdenklich stimmender Abend. Sie erzählten mir ihre ganze Geschichte, von glücklichen und dann hoffnungslosen Tagen in Coburg, von ihrer abenteuerlichen Ausreise und Flucht bis zur Ankunft in Israel. Die Begegnung mit mir war für sie wohl eine Vergegenwärtigung glücklicher Tage in ihrer ehemaligen Heimat, an die sie gern dachten, aber in die sie nach all dem Schmerz nie mehr zurückkehren wollten.
Für mich bekam der Aufenthalt im Heiligen Land eine ganz neue Bedeutung. Neben die Erkundung der Antike und der Frühgeschichte des christlichen Glaubens trat nun eine geschärfte Wahrnehmung der politisch-gesellschaftlichen Gegenwart dieses Landes und seiner jüngsten Geschichte, die so eng mit unserer eigenen jüngsten Vergangenheit verknüpft ist.

Bei meinen späteren Israel-Reisen war dieses zweite wichtiger als das, was Deutsche sonst veranlasst, dieses Land zu bereisen. Hier in München halte ich mich durch die Lektüre jüdischer Zeitungen und gelegentliche Besuche von Veranstaltungen der Deutsch-Israelischen Gesellschaft auf dem Laufenden.

Hartmut H.