Erinnerungen an den Jom Kippur-Tag

Lang ist es her, dass ich mit einer kleinen  Reisegruppe Israel und Jordanien bereiste. Es war das Jahr 2000, das Heilige Jahr der Katholischen Kirche.

Mehrere Tage lang wohnten wir in Jerusalem in einem großen Hotel  in der Nähe der Altstadt mit seiner hohen Stadtmauer und den historischen Toren und  nahe der Großen Synagoge.

In meinem Tagebuch habe ich von jenen ersten Tagen dort Folgendes aufgeschrieben:

„ 6.Oktober:    Spät im Hotel angekommen. Der elegante  Aufzug in der Halle war umfunktioniert worden zu einem speziellen Sabbataufzug.  Denn jeder Sabbat beginnt eine Stunde vor Sonnenuntergang und endet eine Stunde nach Sonnenaufgang am übernächsten Tag. An diesem Tage sollen alle Tätigkeiten ruhen. Selbst der Druck auf einen Knopf soll vermieden werden, also auch auf einen Lichtschalter. Somit ist alles am Sabbat auf Automatik eingestellt und der Sabbatfahrstuhl hält strickt auf jeder Etage. Wir als Andersgläubige wurden auf den hinteren Bedienstetenfahrstuhl  hingewiesen, der direkt die gewünschte Etage erreicht.“  Das war meine erste  Erfahrung  mit jüdischen Traditionen. Aber ich sollte noch stärker beeindruckt werden.

Denn es war der Beginn des Jom Kippur Festes, des höchsten jüdischen Feiertages. Dieses durfte ich in Jerusalem, an einem zentralen Ort erleben.

„7.Oktober:    Morgens durch das Jaffa-Tor zur Klagemauer gegangen. Viele Juden standen davor, bekleidet mit den traditionellen schwarzen Kaftans und den hohen schwarzen Hüten, an deren Seiten ihre geflochtenen Zöpfe hängen. Auch ihre langen, meist grauen Bärte sind ein Zeichen des frommen Juden, der nämlich sein Barthaar nicht mit der Schere schneiden darf, und dadurch den Übergang zwischen Bart- und Haupthaar deutlich durch die Zöpfchen abgrenzt.

Links, der größere Teil an der Klagemauer ist für die Männer bestimmt, rechts, ein sehr kleiner, für die Frauen.“

„8. Oktober:    Der Vorabend des Jom Kippur  Festes –  Unser israelitischer Reiseführer und der Busfahrer standen  nur bis 14 Uhr zur Verfügung, denn sie feierten auch. Langsam begann der Verkehr zu ruhen, die Verkehrsampeln wurden ausgeschaltet, auf der Straße strebten mehr und mehr Juden in festlicher Kleidung zur großen Synagoge, im Hotel wurde das Dinner vorverlegt. Unser Besichtigungsprogramm wurde völlig umgestoßen, denn der  deutsche Reiseleiter  konnte nur die christlichen und arabischen Stätten zeigen, weil alle jüdischen geschlossen waren. Wir hörten von Ferne den vielstimmigen Sang der Muezzins aus dem arabischen Viertel um die Via Dolorosa, sahen die Reste des Herodespalastes, und gingen durchs Kidrontal hinauf zum Ölberg in den Garten Gethsemane. Dort saß ich während einer kleinen Andacht unseres liebenswerten  Pfarrers P. unter alten Tamarisken  und ließ mich von dem  Gefühl überwältigen, dass an diesem Platz auch Jesus gesessen habe.

Von hier oben sieht man hinunter auf die Altstadtmauer, den Felsendom mit der goldenen Kuppel und darunter das zugemauerte Goldene Tor, durch das Christus am Palmsonntag in die Stadt geritten sein soll laut des Neuen Testamentes. Es soll solange zugemauert bleiben bis er wiederkommt. So erklärte es uns unser Pfarrer P.“

Am Nachmittag setzten wir uns auf eine Bank gegenüber der Großen Synagoge und beobachteten das Hin- und Herströmen der vielen gläubigen Juden. Leider wagten wir uns nicht in die Synagoge hinein. Wie uns später erläutert wurde, hätten auch wir „Ungläubigen“ oben auf den Rängen in der Synagoge Platz nehmen dürfen und den Festhandlungen zuschauen können.

Aber dann hätten wir ein entscheidendes Erlebnis nicht gehabt: Auf der breiten Straße, die entlang der Großen Synagoge führte, ruhte total der sonst so fließende Verkehr. Wie gesagt, auch die Ampeln waren ausgeschaltet. Die Menschen wanderten auf den Bürgersteigen und der Fahrbahn.

Eine Gruppe, ca. sieben junge Männer mit weißen Hemden und ihren bunten Käppis gingen fröhlich untergehakt auf der Fahrbahn und versperrten diese von einer Seite zur anderen. Da kam ein Sanitätswagen von hinten langsam die Straße hinunter, fuhr dicht an diese Gruppe heran und macht durch aufbrausendes Motorengeräusch auf sich aufmerksam. Einige Jungen blickten sich zum Fahrzeug um, machten aber keine Anstalten ihm auszuweichen und das Rettungsfahrzeug durchzulassen. Erst als dieses den Heulton ansetzte, riss langsam aber voller Unmut die Kette auf, sehr gemächlich gingen die Jugendlichen zur Seite, das Fahrzeug konnte hindurch fahren, aber… ein paar Fäuste wurden ihm in drohender Haltung nachgeworfen.

Mir fiel aus dem Neuen Testament die Anklage Jesu wegen des  Ährenausraufens und Kranke heilen  am Sabbat ein. Da kam mir der Gedanke nach diesem vielen Erlebten von Traditionen und Berührungspunkten mit der biblischen Geschichte, dass die Zeit der 2000 Jahre nicht viel verändert hat.

Marianne M.