Fazination Jerusalem!

Es ist ca. 4.30 Uhr in der Früh, als ich plötzlich aus dem Tiefschlaf gerissen werde und meinen Ohren nicht traue. Was ist denn bitte das? Singt da tatsächlich jemand durch ein Mikrofon? Ist das etwa Arabisch? Dazu steht noch mein Mitbewohner auf, zieht sich seine Klamotten an und verschwindet leise nach draußen. Wo genau bin ich nochmal? Ärger macht sich in mir breit, aber auch ein Stück Faszination. Ärger deswegen, weil ich einfach so aus dem Schlaf gerissen werde und ich denke, niemand findet das wirklich angenehm. Faszinierend ist es aber, weil mir in dem Moment bewusst wird, an welchem Ort ich mich gerade befinde und welche Geschichte dieser Ort mit sich trägt. Und obwohl ich immer noch nicht richtig wach bin, wird mir nun klar, dass diese laute Stimme, die man nicht überhören kann, der Muezzin ist, der die muslimischen Gläubigen zum Morgengebet aufruft.

Tja, willkommen in der Altstadt von Jerusalem.

Das kleine Hostel mit dem Namen „Golden Gate“, in dem ich übernachte, befindet sich mitten im arabischen Viertel der Altstadt. Wer hier Urlaub machen möchte und glaubt, er könne sich hier erholen und sich entspannen, ist hier eindeutig fehl am Platz. Schon früh am Morgen öffnen die Läden auf dem arabischen Markt, im so genannten Suq. Ein Suq sieht meistens aus wie ein Tunnel, in dem sich auf beiden Seiten kleine Läden befinden. Man findet so gut wie alles in diesen kleinen Läden, seien es Klamotten, technische Geräte, Lebensmittel etc. Spazieren gehen wird hier etwas schwierig, denn man wird von der Menschenmasse mehr geschoben. Vor allem am Damaskus Tor muss man sich keine Sorgen machen, dass man aus der Altstadt nicht raus- bzw. reinkommt. Man lässt sich einfach durch die Menschenmasse treiben. Einige Hundert Meter weiter auf der anderen Seite des arabischen Viertels befindet sich der Zugang zur Klagemauer. Es kommt einem vor, als wäre es auch der Zugang in eine komplett andere Welt. Die Sicherheitsvorkehrungen sind hier sehr hoch. Dabei wird der Rucksack, oder was man auch immer bei sich trägt, durch eine Maschine geführt und eingescannt. Währenddessen wird man außerdem von zwei bis drei freundlichen, bewaffneten Soldaten nett begrüßt. Es ist unglaublich, dass man einige Minuten vorher noch der arabischen Sprache gelauscht und sich gefragt hat, ob die beiden Männer eine ganz normale Konversation führen, oder doch eine heftige Auseinandersetzung haben, denn für einen Laien im Arabischen wie mich, ist das sehr schwer zu unterscheiden. Und plötzlich hat man Menschen vor sich, die so anders sind. Anders in dem, was und wie sie denken, wie sie sich kleiden, wie sie eine total andere Sprache sprechen und einfach ein anderes Leben führen. Vor allem die orthodoxen Juden gehen regelmäßig an die Klagemauer, um zu ihrem Gott zu beten. Die Klagemauer ist ein Teil des großen Tempels, der vor vielen Jahrhunderten auf dem Tempelberg stand, wo jetzt aber der Felsendom, einer der Hauptheiligtümer des Islams, steht. Hat man sich mit dem Judentum noch nie wirklich beschäftigt, kommt einem die Kleiderordnung und die Art und Weise, wie die Juden an der Klagemauer beten, vor allem die Hin- und Herbewegung ihres Oberkörpers, sehr seltsam vor. Doch sie praktizieren dabei das, was in der Thora und den anderen rabbinischen Schriften geschrieben steht.

Für mich ist Jerusalem die einzige Stadt auf dieser Welt, in der man eine so krasse Diskrepanz zwischen mehreren Sprachen, Religionen und Kulturen findet. Faszinierend und außergewöhnlich!

An was man sich auch mit der Zeit gewöhnen muss, sind die vielen Soldaten, die mit ihren großen Maschinengewehren an verschiedenen Orten für Ordnung und Ruhe sorgen. Vor allem weibliche Soldaten sieht man in anderen Ländern nicht so oft, doch in Israel sind auch Frauen verpflichtet, mindestens zwei Jahre Dienst abzuleisten. Oft dachte ich, dass man in der Anwesenheit von Soldaten nichts Falsches tun oder sagen darf. Darf man wahrscheinlich auch nicht. Aber ich durfte erleben, dass Soldaten eben auch nur Menschen sind und man sich nett mit ihnen unterhalten kann. Diese Begebenheit möchte ich kurz erzählen.

Ich gehe eines Tages durch das Damaskus Tor in das arabische Viertel der Altstadt und sehe eben zwei Soldaten stehen. Mir fällt auf, dass mich diese Soldaten schon etwas länger im Fokus haben. Zuerst denke ich mir nichts dabei und gehe fröhlich weiter. Doch das ändert sich, als sie plötzlich direkt auf mich zukommen. Sofort geht einiges in meinem Kopf vor und ich frage mich, was ich jetzt Falsches getan habe.

Habe ich etwa einen verdächtigen Blick? Jedenfalls stehen die zwei bewaffneten Soldaten nun vor mir und fragen mich, ob bei mir alles in Ordnung sei. Also mit der Frage habe ich nicht wirklich gerechnet und ich antworte natürlich, dass es mir gut geht, aber innerlich dachte ich: Was? Ob bei mir alles in Ordnung ist? Warum interessiert sie das? Aber es geht noch weiter. Die nächste Frage an mich ist: „Sir, nehmen sie vielleicht irgendwelche Drogen?“ (aus dem Englischen übersetzt). Da muss ich tatsächlich etwas schmunzeln und ich kann es mir einfach nicht verkneifen. Auch kann ich mich nicht mehr daran erinnern, ob die zwei Soldaten das auch lustig fanden. Aber ich habe natürlich mit „Nein“ geantwortet, ich habe noch nie in meinem Leben Drogen genommen. Mich interessiert es sehr, aus welchem Grund sie das wissen wollen, und stelle ihnen die Frage: „Sehe ich vielleicht so aus?“ Im ersten Moment klingt das vielleicht frech und ungezogen, aber ich will dadurch niemanden provozieren oder so. Die zwei Soldaten jedenfalls verstehen es, denn jetzt fangen auch sie zu schmunzeln an und antworten: „Also, eigentlich ja!“ Und ich denke wieder: Was? Es hat sich rausgestellt, dass sie auf mich zugekommen sind, weil meine Haare ziemlich lang und chaotisch, vielleicht auch ungepflegt, aussehen. Sie waren in der Tat etwas lang, ich hatte sie nämlich bestimmt seit einem halben Jahr nicht mehr schneiden lassen. Nachdem wir uns noch ein bisschen unterhalten und uns schließlich verabschiedet haben, durfte ich auch wieder weitergehen und wurde nicht in Handschellen abgeführt.

Es ist ein Erlebnis, das mich persönlich immer noch zum Schmunzeln bringt, wenn ich an die Konversation mit den Soldaten denke. Ich durfte neben dieser Erfahrung auch sonst erleben, wie nett, gastfreundlich und hilfsbereit die Menschen in Israel sind; auch zu mir, der ich aus Deutschland komme. Es hat mich sehr beeindruckt und fasziniert.

Israel – ein Land, das mich aufgrund seiner Vielfalt begeistert. Ich kann es kaum er-warten, meinen Fuß wieder auf dieses Land zu setzen.

Schalom, Israel!

Christoph H.