Fishke

Es gibt kaum etwas, das ich noch weniger mag als feuchte Kleidung.
Tagelang regnet es jetzt schon im typischen israelischen Winter der Achtziger Jahre des letzten Jahrtausends. Hemd und Hose werden schon gar nicht mehr richtig trocken; die kleinen, tragbaren Ölheizgeräte, die uns der Kibbuz zur Verfügung stellt, rußen und verbreiten mehr Gestank, als dass sie unsere an sich gemütlichen Unterkünfte beheizten.
Die Einheimischen freuen sich offen über diesen himmlischen Wassersegen, füllt doch jeder Regentag das natürliche Trinkwasserreservoir des Landes, den See Genezareth, um wertvolle Zentimeter des kostbaren Nasses auf. Gerade und besonders in den trockenen und heißen Regionen des Orients bedeutet das Genug an Wasser Voraussetzung zum Leben. In Israel dauert die Regenzeit von Mitte November bis in den Februar des Folgejahres. Dann kann es zu wolkenbruchartigen Regengüssen kommen; im Bergland von Judäa und in Jerusalem ist auch Schnee keine Seltenheit, während in Eilat am Roten Meer die Badesaison weitergeht.
Kleines Land voll großer Gegensätze!
Sechs Uhr morgens – mit dem „Orangen-Traktor“ halte ich vor Fishkes Haus und warte, bis der Hausherr sich bequemen wird, mich wahrzunehmen.
Fishke ist so ziemlich der gemütlichste Mensch, den man sich vorstellen kann; wäre er Bayer, würde man seine ausgesprochene Bierruhe rühmen. Aber Fishke ist Israeli, Jude, dessen Vorfahren aus dem Maghreb, jener Gebirgsregion Nordafrikas, eingewandert kamen. Ich kenne ihn noch, als er bei einer geschätzten Körpergröße von 1.80 Meter weit über zwei Zentner wog und ihn nichts mehr interessierte, als sein gut gefüllter Teller und das überbreite Bett. Zu der Zeit hätte ich mir nicht vorstellen mögen, dass sein größtes Hobby einmal der Sport werden sollte.
Bis zu seiner Militärzeit ist Fishke im Kibbuz eigentlich immer nur belächelt worden – wegen seiner Körperfülle, seiner Trägheit, seiner sprichwörtlichen Unzuverlässigkeit und . . . weil kein Mädchen sich für ihn interessieren wollte.
Während seiner dreijährigen Wehrdienstzeit, die er überwiegend in der Westbank abgeleistet hat, hat er für sich die Freude an der Körperertüchtigung gefunden. Jedenfalls ist ein neuer, ein gestählter, gut aussehender Mann in den Kibbuz zurückgekehrt, und als ich vor Jahresfrist wieder mal in Einat war, bin ich gerade rechtzeitig gekommen um seine Hochzeit mit einer jemenitischen Schönheit mitzufeiern. Meine erste Hochzeitsfeier nach jüdischem Ritus, und ich war schon stolz darauf, dass mich Fishke spontan und überaus herzlich dazu eingeladen hat.
Ein besonderes Ereignis in meinem Leben, so wie es immer ein besonderes Ereignis ist, wenn mir zugetane Menschen heiraten, Vater- oder Mutterfreuden entgegensehen oder aber . . . zur letzten Ruhe gebettet werden.
Fishke hat seine positive Wandlung erfahren, und ich bin froh, mich in ihm getäuscht zu haben. So, wie er jetzt ist, ist der Kerl richtig liebenswürdig; nur noch ein wenig mehr an Pünktlichkeit und Antriebskraft sollte man in ihn hineinpumpen können. Aber dann wäre er wohl auch nicht mehr der Fishke…
Endlich erscheint der Athlet im Türrahmen. Noch kauend ruft er mir zu: „Boker tov, Karol, ma shla ha? (Guten Tag, Karl, wie geht’s?)“.
„Boker tov, Fishke, yalla, yalla (Guten Tag, Fishke, auf, auf)“ brumme ich missmutig.
Er lächelt breit, mag meine emsige Betriebsamkeit nicht teilen.
„Die Orangen werden warten bis wir sie ernten, sie haben noch jedes Jahr darauf gewartet“.
Hat er nicht Recht?
Ein Uhr mittags – sechs Stunden Arbeit liegen hinter uns.
Fishke sucht nach einem Freiwilligen, der ihm helfen soll, die Obstcontainer mit dem Gabelstapler auf die Lastwagen zu laden.
Aber er sucht nicht lange. Freundschaftlich legt er seinen schwarz behaarten Arm um meine Schulter und sagt: „Karol, wir müssen nochmal so zwei Stunden dranhängen, dann wäre alle Arbeit getan. Dann hätten wir Ordnung, wie Ihr Deutschen zu sagen pflegt. Ich habe schon Bescheid gegeben, dass Du mir helfen wirst – Du hilfst mir doch, oder“?
Nein, das ist keine ernst gemeinte Frage, die mir da gestellt wird. Unsere Blicke treffen sich, der Jude und der Christ, der Israeli und der Deutsche – wie auf Kommando lachen wir los!
Der da so gefragt hat, hat meine Antwort längst gekannt. Während all meiner Zeiten im Kibbuz habe ich mich niemals benutzt oder gar ausgenutzt gefühlt. Aber ich habe mich so oft als dazugehörig empfunden, und das ist ein saugutes Gefühl!

Karl B.