Fragen über Fragen

Es ist 6 Uhr früh. Es ist bereits hell und noch sehr still. Eine friedliche Stimmung wie an einem frühen Sommermorgen in Norddeutschland. Aber es ist Herbst, Ende Oktober, und ich befinde mich in Israel, geschätzte 3000 km Luftlinie entfernt. Und friedlich ist es hier nur zu dieser Stunde, wenn überhaupt. Diese Stille ist so laut, das war der Titel eines Buches über das Leben im Nachkriegsjugoslawien. Und hier? Hier ist permanenter Krieg, der zurzeit nur Pause macht. Waffenruhe. Waffenstarrende Waffenruhe. Und Mauern, überall Mauern.

Seit zwei Tagen bin ich in Israel, zum ersten Mal überhaupt, und Fragen über Fragen türmen sich auf, ohne den Ansatz einer Antwort. Fragen, die ich schon in Europa kannte und mit hierher geschleppt habe und die sich hier auch nicht beantworten lassen. Die große Überraschung für mich hier vor Ort war jedoch, wie schön dieses Land tatsächlich ist, wie viel unverfälschte und mannigfaltige Natur es zu bieten hat. Und dabei bin ich ja gerade erst angekommen.

Internat und Gästehaus liegen auf einer Anhöhe und sind von einer parkähnlichen Landschaft umgeben. Ein massiver Drahtzaun, der teilweise hinter einem Fichtenwald verschwindet, schirmt das gesamte Anwesen von der Außenwelt ab. Auf dem weitläufigen Gelände hat man einen Schulgarten, einen Garten mit biblischen Kräutern und einen ausgedehnten Gemüsegarten angelegt, der der hauseigenen Versorgung dient. Das Eingangstor ist tagsüber geöffnet, eine geteerte Straße führt an Gemüsefeldern und alten Fichtenbeständen vorbei zum Gästehaus, zu den Lehrerwohnungen und weiter zum Internat.

Ein paar Vögel zwitschern, irgendwo in der Ferne bellen Hunde, das leichte Rauschen vorbeifahrende Autos klingt herüber, aber sonst ist es ruhig. Von mehreren Stellen der Anlage kann man weit in die Landschaft blicken. Dörfer und Kleinstädte überkrönen die Hügelkuppen, verschwinden fast in den Talsenken oder ziehen sich die Anhöhen hinauf. Zwischen dem Auf und Ab der Hügelkuppen ragen mit Kreuze versehene Kirchtürme auf Liegt dort hinter den Hügeln vielleicht Bethlehem? Ich bin echt neugierig darauf, diese Stadt zu sehen, die ich nur aus der Weihnachtsgeschichte her kenne. Ich stelle mich auf die Zehenspitzen, um mehr von dieser Landschaft zu sehen, doch leider versperren mir die Bäume die Sicht. Langsam wandere ich quer über das Gelände. Noch scheinen alle zu schlafen. Auf den mit Fichtennadeln übersätem Waldboden liegen hier und da Papier- und Plastikfetzen. Ich folge dem Weg und komme vorbei an den künstlich bewässerten und terrassierten Gemüsebeeten und erreiche schließlich eine Aussichtsplattform. Hier bietet sich mir Überblick über das weit geschwungene Tal, durch das wir gestern hierhergefahren sind. Zerklüftete Berge rahmen es ein. Das Tal ist zerschnitten von einer Mauer. Sie zieht sich die Fernstraße entlang, ist mehrere Meter hoch, schützt die israelischen vor den Kugeln der Palästinenser. Außerhalb der Enklaven bewegt man sich im Schutz von Fahrzeugen von A nach B, fährt durch ein raues Land, das, so will es scheinen, keiner zu betreten wagt.

Dabei befinden sich überall Siedlungen auf dem Land, in sich geschlossene Siedlungen, deren Ausläufer aber zum Teil weit in die umgebende Ödnis hineinragen. Keine Einzelgehöfte oder Streusiedlungen, immer nur komplexe, ineinander verschachtelte Gebilde aus weiß verputzten Häusern. Teilweise reichen sie direkt an die Mauer heran, die mitten durch die Talsenke verläuft. Wie Inseln liegen sie da, festungsartige Enklaven im Feindesland. Es gibt hier keine weiten, unbewohnte Fernen, kein fruchtbares Grün, sondern nur Geröll, Steine und rötliche staubige Erde, mit Geröllhaufen übersät, das Land ist zerschnitten, zersiedelt, uneben und in sich zerstritten. Aus Nachbarschaftsstreitigkeiten ist blutiger Ernst geworden. Hinter einem zweistöckigen Haus am Rande der Ortschaft führt die Straße vorbei, verläuft in einer weiten Bogenline um das Gebäude, dazwischen, zwischen Haus und Straße die unüberwindbare Mauer. Ich frage mich, was die Bewohner eines solchen Hauses für einen Bezug zu ihrem Umland haben. Schauen sie überhaupt aus dem Fenster, was denken sie von der Grenze, nehmen sie sie überhaupt noch wahr? Der Herr sprach: Dies ist das Land, das ich dir geben werde. Dieser Vers aus dem Alten Testament kommt mir in den Sinn, als ich mich in den Anblick vertiefe. Bauwerke und Landschaft erscheinen wie von einer ockergelben oder sogar goldgelben Patina überzogen, über dem Heiligen Land wölbt sich ein blassblauer Himmel.

Christiane W.