Hinauf nach Jerusalem

„Sehet, wir gehen hinauf nach Jerusalem“. Wir sehen Jerusalem, die Stadt der Religionen, auf dem Berge. Die Auffahrt in gespannter Erwartung durch die Straßen Betfages zum Ölberg – und plötzlich weitet sich der Blick auf das so oft schon gesehene Bild, aber jetzt in der Wirklichkeit des Augenblickes, der unvergessen bleibt: über die Gräber der Juden an den Hängen des Kidrontales hinweg, auf die mauerbewehrte Stadt, bekrönt mit dem Felsendom und seiner goldenen Kuppel. In dessen Nähe stand einst der Tempel Salomos und der zweite, von Herodes dem Großen. Jenes Jerusalem aus der Zeit Jesu Christi sollten wir tags darauf in grandiosem Modell 1:50 zu sehen bekommen.

Wir haben in der Beweinungskirche Dominus flevit durch das schmiedeeiserne Fenster mit den Abendmahlsymbolen von Kelch und Hostie abermals den Blick auf die goldglänzende Kuppel des Felsendomes und gehen hinunter nach Gethsemane. Es ist als ob die uralten Olivenbäume im satten Grün des Gartens dem gläubigen Christen die Geschehnisse jener Nacht von Wachen und Beten, blutgetränktem Schweiße, Verrat und Gefangennahme unmittelbar bezeugen wollten. In der Gethsemanekirche, der Kirche der Nationen, singen wir „Herr gib uns deinen Frieden“. In der Himmelfahrtskirche feiern wir Gottesdienst. Mir bleibt der Raum mit seiner „wilhelminischen“ Romanik merkwürdig fremd. Kaiser Wilhelm II. hat bei seinem Aufenthalt 1898 die Kirche zu finanzieren versprochen. Bei aller Anerkennung der großen Opferbereitschaft, die von 1907 — 1910 gebaute Kirche strahlt sein Protzentum aus: Abklatsch von normannisch-staufischem Monreale, daneben Barbarossa, den der Hohenzollern-Enkel des gestaltgewordenen neuen Kaisers im Fresco sakralisiert — peinlich.

Die Hadassah-Klinik Hadassah ist eine internationale Frauenorganisation, deren Name dem Esther-Buche entnommen ist. In der Synagoge der Klinik ein künstlerischer Hochgenuss: Die Buntglasfenster von Marc Chagall!! Er hat auf einen Ruf des biblischen Volkes gewartet. In 2 ½-jähriger Arbeit in Frankreich die Wesenszüge der zwölf Söhne Jakobs interpretiert und in Inspiration von Farbgebung, Symbolik und Motiven gestaltet. Die Kunst Chagalls bringt mich außer Fassung. Ich kann mich kaum mehr mitteilen. Diese Fenster schlagen von hier eine Brücke zum Volk am Mosesberg im Sinai; die Kunst Chagalls lässt einen Bogen von mehr als 3.000 Jahren Geschichte dieses Volkes in meinen Gedanken unablässig kreisen. Ich bin wie entrückt zu dem Volk, von dem meine Vorfahren stammen. Die Kunst Chagalls hat mir, wie nie etwas zuvor, verdeutlicht, wie wichtig und bedeutsam Kunst für Menschen ist.

YadVashem Am Eingang die Inschrift zum Gedenken an 1.500.000 ermordete Kinder in Auschwitz. Im Frühjahr ist immer ein Gedenktag; in der Halle Schw… Jedem Kind leuchtet ein Stern am Firmament. in der Gedenkstätte der „vergessenen Gemeinden“ stehen auf mächtigen aufeinander geschichteten Kalksteinquadern die Namen von jüdischen Gemeinden aus ganz Europa geschrieben. Wir entdecken auch fränkische Namen wie Burgkunstadt. (Auf dem dortigen jüdischen Friedhof gibt es auch Grabsteine mit der Aufschrift Angermann.)

Mir wird vollends klar: Ein Volk mit 4.000 Jahren Geschichte seit Abraham und seiner Verheißung, das sich seit diesem Anbeginn zu dem einen Gott Israels bekennt und sich deswegen jahrtausendealter Geschehnisse von existentieller Bedrohung und Behauptung alljährlich an bestimmten Fest- und Gedenktagen erinnert, kann im neuen Land der uralten Verheißung nicht einen Holocaust „endlich“ vergessen können, auch nicht vergessen dürfen, was mit Schuldzuweisung nichts zu tun hat. Es geht um die Identität des Volkes mit seiner Geschichte, das sich nach Jahrhunderten der Zerstreuung gesammelt hat im Bunde seiner Religion. Kein Volk auf Erden ist seinem Gott so lange ergeben!

Die Eremos-Höhe Über dem Nordufer des Sees Genezareth ist der „Berg der Seligpreisungen“. Zwischen dem Mosesberg der Gesetzgebung und diesem Ort der Bergpredigt, dem Evangelium der Nächstenliebe, liegen die religiösen und geistigen Wurzeln des christlichen Abendlandes, und uns ist es vergönnt, über den See zu blicken, in Gedanken vieles dieser Reise zu verinnerlichen und unsere Sitten und Kultur von hier aus zu begreifen.

Hermann A.