Im Tal der Tränen

Nach der Besichtigung in der Holocaust Gedenkstätte in Yad Vashem, sagte unserer Reiseleiter Uri zu uns: „Wir machen jetzt noch einen kleinen Abstecher in eine Gegend, wo ich mit anderen Touristen noch nicht war. Es ist eine in Stein gehauene Offenbarung und handelt sich um ein „Freiland-Museum.“

Mein Blick fiel während der Fahrt auf einen Güterwagen, der vor einem abgebrochenen Gleis steht. Er signalisiert das Ende des Lebens. Das war einmal. Nun haben die Juden in Israel, eine bleibende Heimat gefunden. Ganz so, wie es bei Jeremia im 31. Kapitel steht.

„Siehe, ich bringe sie herbei aus dem Land des Nordens und sammle sie von dem äußersten Ende der Erde, unter ihnen Blinde und Lahme, Schwangere und Gebärende, sie alle zusammen; als eine große Volksversammlung kehren sie bisher zurück. Mit weinen kommen sie, und unter flehen und zagen führe ich sie. Ich bringe sie zu den Wasserbächen auf einen ebenen Weg, auf den sie nicht stürzen. Denn ich bin Israel wieder zum Vater geworden.“

Wie wunderbar doch diese Prophetie ist. Aber wo waren wir inzwischen? Wahrhaftig, was für eine trostlose Gegend. Daniel, hatte große Mühe, auf dem Schotterweg die Kurven zu kriegen. Beinahe wäre er im Graben gelandet…

„So, meine Israelfreunde! Bitte alle aussteigen! Wir sind am Ziel! Denn hier, im „Tal der Tränen“, befinden sich sehr viele Gedenksteine. Sie sind ein Symbol von jeder Stadt in Europa, in der einst Juden gelebt haben“, sagte Uri und eilte uns vor aus…

Tatsächlich, es sind hunderte von Steinen übereinander gesetzt. Und alle ergeben diesen Gedenk-Friedhof. Ich ging von einer Steinwand zur anderen und las die europäischen Städte und Orte, in denen einst Juden lebten. Dabei las ich halblaut vor mich hin. ‚ Berlin, Frankfurt, Dresden, Zwickau, Hamburg, Lübeck, Düsseldorf, Essen, Gelsenkirchen, München und…‘

Aber was ist mit Polen? Wo sind denn ihre Gedenksteine? Da lebten doch vor 1939 auch sehr viele Juden. Ich ging suchend hin und her und hielt immer wieder Ausschau. Endlich stand ich davor und las: Warschau, Krakau, Kutno, Pabianice und auch Lodz. Ach ja, der Hitlerfaschismus war überall grausam. Aber in Lodz, das man nach dem Überfall auf Polen in Litzmannstadt umbenannt hatte, gab es noch einige menschenunwürdige Extras.

Das Judenghetto, mit dem Kindergefängnis. Ach, was war da nicht alles an Hunger, Elend und Schmerz vorausgegangen, wenn Kinder nach der Mutter weinten und schrien. Jüdische Kinder, zwischen zwei und vierzehn Jahren waren es. Sechstausend allein in Lodz. Und was ist davon übrig geblieben? Dieser Gedenkstein? Dabei hat doch jeder Mensch nur ein Leben – Ach mein Gott, grausam wurde es durch steinerne Herzen zunichte gemacht, dachte ich im Stillen, bevor ich zu den anderen ging und im Bus Platz nahm.

Irmgard L.