Meine neue Familie in Israel

Mitte April 1987 begann eine für mich besondere Reise. Besonders war, dass ich als Teil einer Auswahl von saarländischen Judoka einer Einladung der Sportler von Maccabi Tel Aviv folgen würde. Aber auch, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben mit einem Flugzeug fliegen, ein Land außerhalb Europas besuchen und 14 Tage in einer fremden Familie leben würde. Ich war gerade 18 Jahre alt geworden und war mir sehr bewusst, dass eine Reise nach Israel für einen jungen Deutschen keine normale Reise sein konnte. Die jüngere deutsche Geschichte warf ihren Schatten und das zeigte sich etwa an dem langen Fragebogen beim Visa-Antrag und an den extremen Sicherheitskontrollen am Flughafen.

Am Tag der Abreise hatten wir in Saarbrücken Temperaturen nahe dem Gefrierpunkt und noch etwas späten Schnee. Bei der Ankunft in Israel erwarteten uns gut 25°C und strahlender Sonnenschein, der uns die nächsten14 Tage begleiten sollte. Wir wurden am Flughafen von Tel Aviv freundlich empfangen und auf die Familien aufgeteilt, in denen wir zwei Wochen leben würden. Natürlich erwarteten ich, dass ich wie die meisten anderen Jugendlichen meiner Gruppe, bei einem etwa gleichaltrigen Jungen oder Mädchen unter kommen würde. Aber als ich meiner Familie vorgestellt wurde, war ich doch erstaunt. Aaron, der Vater, war mich mit seinen drei Söhnen abholen gekommen – Itay, dem 12-jährigen ältesten Sohn, Ori, dem 9-jährigen mittleren Sohne und dem kleinen, dreijährigen On.

Alle waren sehr nett und auch mit der Verständigung gab es keine Problem, da ich recht gut Englisch sprach, wie alle anderen Familienmitglieder außer dem kleinen On auch und Aaron darüber hinaus wirklich gut Deutsch sprechen konnte. So hatten wir in der Folge sehr gute und lange Unterhaltungen. In Raanana angekommen wurde ich auch herzlich von Jaffa, der Mutter, begrüßt und nach einem kurzen kennen lernen sagte Aaron zu mir: „Wir freuen uns dass du bei uns bist und wir werden dich behandeln wie unseren ältesten Sohn. Wenn du irgendwelche Wünsche oder Sorgen hast komm zu Jaffa oder mir. Du sollst als Teil unserer Familie mit uns leben und wir werden dir Israel zeigen.“

Dass es nicht nur Worte waren, bestätigte sich umgehend, den Aaron sprach weiter: „Heute ist Pessach-Fest, hier ist eine Kippa für dich, wir gehen jetzt zur Synagoge“. Ich komme aus einer gläubigen und praktizierenden katholischen Familie, so dass der Kirchgang für mich normal und der jüdische Glaube bekannt war, aber es war für mich der erste Besuch einer Synagoge. Ich war wirklich beeindruckt von der Ursprünglichkeit des Gebetes der Gläubigen und langweilte mich keine Minute, obwohl wir recht lange blieben. Dann wurde der Festtag mit weiteren Verwandten zu Hause gefeiert und auch hier war ich Mitglied der Familie, nahm Teil an der rituellen Feier mit Lichtern, Wein und Matzen. Während die Geschichte des Auszuges aus Ägypten auf Hebräisch vorgelesen wurde, zeigte mir mein neuer dreijähriger Bruder On in einem Bilderbuch an welchem Teil der Story wir gerade waren. Nach diesem Abend fühlte ich mich wirklich als Teil der Familie, als ältester Sohn und großer Bruder.

Die folgenden 14 Tage vergingen leider wie im Fluge, sind aber bis heute mit die prägendsten Tage meines Lebens geblieben. Es waren die Wochen mit den meisten Eindrücken in so kurzer Zeit, an die ich mich erinnern kann. Biblische Stätten, wie der Jordan mit dem Ort der Taufe Jesu, Jerusalem oder Galiläa. Landschaftlich großartige Orte, wie die Orangenhaine am Fuße der Golan-Höhen, die blühenden Wiesen im Peace-Valley, die Strände bei Tel Aviv oder die Wüste am Toten Meer. Historische Orte wie die Festung Massada, das strahlend schöne Haifa oder das mittelalterliche Jaffa. Aber auch große Gegensätze, wie das pulsierende, moderne Leben in Tel Aviv, Nomadenfamilien in der Wüste, orthodoxe Wohnviertel, neu gebaute Siedlungen oder der feierliche, bedrückende Ort Jad Vashem. Und alles durchwoben von vielen fremden Sprachen, Gerüchen, Speisen und Menschen. Über all diesen Bildern und Eindrücken lag mein ganz persönlicher Soundtrack, denn ich hatte nur eine Musikkassette und meinen Walkman dabei. „Brothers in Arms“ von den Dire Straits wird für immer meine Israel-Musik bleiben.

Aber wirklich verändert hat mich die große Gastfreundschaft in Israel. Eine Gastfreundschaft von Menschen, die im von Deutschen erdachten und ausgeführten Holocaust viele, viele Familienmitglieder und Freunde verloren hatten und die unsere Gruppe dennoch als Freunde aufnahmen. Ganz besonders die beeindruckende Gastfreundschaft von Aaron, Jaffa, Itay, Ori und On, die mir das Geschenk machten, Teil ihrer Familie sein zu dürfen. Sie ist ein Vorbild, das ich zur Grundlage für meinen Umgang mit Fremden gemacht habe. Der Geschichte und dem Geschick Israel bin ich seit dieser besonderen Reise fest verbunden. Möge Israel und seinen Menschen in naher Zukunft ein dauerhafter Frieden beschieden sein!

Hermann-Josef A.