Mittelmeerkreuzfahrt 1977

Israel. Das „Heilige Land“ – so war es uns seit jeher bekannt. Wir verbanden es mit unglaublichen landschaftlichen Gegensätzen und dem Nebeneinander von christlicher, jüdischer und mohammedanischer Kultur und Glaubenswelt. Doch noch einmal anders und wohl am authentischsten erfährt man die Heiligen Stätten, die Lebensgewohnheiten der Einwohner, wenn man persönlich das Land bereist. So eine einmalige Gelegenheit ergab sich bei unserer ersten Mittelmeerkreuzfahrt im Jahre 1977, auf der wir der antiken und vorderasiatischen Kultur begegneten. Die wohl schönste Annäherung an das „Gelobte Land“ erfuhren wir, als das „Traumschiff“ entlang des eines mächtigen Felsenhorns gleichenden Karmel-Bergrückens zur lebendigen Hafenstadt Haifa seine Fahrt verlangsamte. Sofort wurden Gedanken an den Propheten Elia assoziiert, der dort oben auf den bewaldeten Höhen einst das israelitische Volk vor die Entscheidung stellte: Entweder Baal oder Jahwe. Bei der Einfahrt in die Hufeisenbucht erschien uns die terrassenförmig zum Karmel aufsteigende Stadt wie eine im Sonnenlicht schimmernde Fata Morgana.

Auch schon damals waren die Passkontrollen wegen der gespannten Lage im Nahen Osten äußerst penibel, um einen Landausflug machen zu können. Doch diese notwendige Prozedur war rasch vergessen, als der Ausflugsbus sich auf der Straße empor gewunden hatte. Überwältigend dann das Panorama von den Karmel-Höhen – tief unten die imposante Stadt und unweit die inspirierenden, wunderschön angelegten Bahai-Gärten.  

Auf dem weiteren Trip folgten wir den Stationen im Leben von Jesu mit Orten, die ganz besonders die Erinnerung an ihn wachrufen: Bethlehem, Nazareth, das Ufer des See Genezareth – und vor allem Jerusalem. Hier konnten wir quasi im Zeitraffer für einen Tag lang auf seinen Spuren wandeln: Von seiner Lebensgeschichte mit seinen Predigten, Wundern, seiner Passion, seines Todes, seiner Grablegung und Auferstehung. Sehr bewegend war der Rundgang auf Jesus Leidensweg – der „Via Dolorosa“ – auf dem er nach der Verurteilung durch Pontius Pilatus sein Kreuz trug. Ein Glanzlicht war der Besuch der Geburtskirche. Um dorthin zu gelangen, mussten alle Besucher – wegen der geringen Höhe des Haupteingangs – sich derart ducken, was die demütige und ehrfurchtsvolle Haltung vor dem historischen Erleben verstärkte.

Wie bei einer biblischen Zeitreise glaubten wir uns versetzt, als der Reiseleiter im Garten Gethsemane erklärte, dass die massiven Olivenbäume noch aus der Zeit Jesu stammen würden. Und hierhin, an diesen lebendigen grünen Ort, zog es Jesus nach dem Letzten Abendmahl, um zu beten – wohl wissend, was auf ihn zukam. Einen besseren Ort, um über das Leben und die Vergänglichkeit kurz nachzusinnen, gab es für uns nicht.  Bei einer Rast am Ölberg begegneten uns vorüber ziehende Hirten mit ihren Ziegen. Zugleich schweifte der Blick über die Stadt mit ihren Häusern, Kirchen und zur goldenen Kuppel der Felsenmoschee auf dem Tempelberg.

Am nächsten Morgen fuhren wir mit einem modernen Taxi zum See Genezareth. Dabei durchstreiften wir eine typische Landschaft in Galiläa, die so wirkte, wie zu Zeiten Jesu: Kleine Dörfer, wilde Blumen, bebaute Äcker, reife Getreidefelder, Gärten, die mit Zypressen eingefasst sind und dazwischen kleine grüne Nadelwäldchen, die mehr an eine Gegend im gemäßigten Mitteleuropa erinnerten, als an eine südliche Flora. Dann der Endpunkt der kurzen Stippvisite: Tiberias und das Ufer des See Genezareth. Hier stehen zu dürfen – mit dem verinnerlichten Blick auf die zahlreichen Szenen um Jesus, das satte Grün auf der einen Seite des Sees und die kahlen, schroffen Berge auf der gegenüberliegenden Seite bewundern – das war etwas Herausragendes, das vergessen wir nicht mehr.    

Apropos Vergessen: Die Erlebnisse unseres Israel-Aufenthaltes sind für immer auf einem Schmalfilm konserviert, der uns heute nach fast 40 Jahren als kleines Zeitdokument an die jahrtausend alte Geschichte und seiner kontrastreichen Natur erinnert.

Brigitte u. Bernhard W.