Mitten in der Stadt

Mein Israel ist gerade mal eine Zigarettenlänge von meiner Wohnung entfernt und mitten in der Stadt. Es ist gleich neben dem Kloster, in dem sie wohnt, die Frau, die mich das Beten gelehrt hat, das Beichten, die Gnade, das Lachen. Jeden ersten Freitag im Monat besuche ich sie, seit vielen Jahren schon. Sie ist weise, sie ist geduldig, sie hat der Himmel geschickt.

Kurz bevor ich das erste Mal zu ihr kam, war ich in der Synagoge, die normalerweise ihre Tür verschlossen hat, zumindest für uns, Goi. Mein Freund trug die Kippa, es machte ihn stolz, er lächelte, wie er nur einmal gelächelt hat, als wir ganz allein in einer kleinen Kapelle waren und Gott seine Hand über uns hielt. Da wusste ich, auch dies ist ein heiliger Ort, gesegnet sind wir.

Im Café neben der Synagoge haben wir heimlich gesessen, immer noch liebend, nach all diesen Jahren.

Immer, bevor ich den Konvent betrete, staune ich über die Sätze, die an der Fassade des jüdischen Museums an alles erinnern, was wir nicht sagen können. Egal, ob wir Juden sind oder Christen. Worte und Sätze, von Einzelnen, die über den Graben springen, der für immer sein wird durch das unfassbare Morden.

Manchmal, wenn noch viel Zeit ist und der Wind durch die schmalen Gassen pfeift, dann gehe ich in den Buchladen, sie haben dort auch Gebetsriemen, kleine Kapseln, Glückwunschkarten, jedenfalls glaube ich das, ich verstehe sie nicht.

Im Restaurant neben der Synagoge habe ich das erste Mal goldene Joich gegessen und pinkfarbenen Meerrettich, sie haben rote Beete daruntergemischt. Wir wurden durchleuchtet und kontrolliert bevor sie uns einen Tisch gaben, damals, das Misstrauen hat mich tief beschämt, weil ich wusste, mein Großvater war dabei.

Die Frau, die mir aus der Bibel vorliest, die mein Leben kennt und mir sagt, ich sei ein Tempel für Gott, sie hat mir Demut gezeigt vor Allah, als ich in Istanbul war und leicht war es mit ihr, Chanukka feiern zu können. Das Öl ist nicht ausgegangen im Tempel, der auch meinem Gott galt.

Die Kirche der Schwestern ist dem Heiligen Jakob geweiht, die Synagoge heißt Ohel Jakob, Zelt Jakobs. Wie einfach es ist.

Wie schön sind deine Zelte, Jakob, wie schön deine Wohnungen, Israel.

Und Jesus nennt seinen Jakobus und dessen Bruder Johannes, die Boanerges, Donnersöhne.

Ich kenne Israel nicht, aber ich glaube, es ist auch mein Israel.

Wie schön sind deine Zelte.

Anja M.