Momentaufnahme in Jerusalem

Vor ein paar Jahren, haben meine Frau und ich eine Rundreise durch Israel gemacht. Es war für uns Beide ein großartiges Erlebnis. Eine Begebenheit ist bis heute sehr präsent und hat uns tief beeindruckt.

Ein langer, ereignisreicher, anstrengender, manchmal sogar beschwerlicher Tag lag hinter uns. Nach dem gemeinsamen Abendessen bot uns die Reiseleiterin an, mit ihr noch ein Stück in die Jerusalemer Altstadt bei Nacht zu gehen. Etwa 15 Personen nahmen das Angebot an, ein Teil war sicher zu müde und wollte ausruhen. Es ging wieder treppauf, treppab und plötzlich standen wir in einem Art Innenhof. Klar erkennbar, hier hatte man einiges ausgegraben und wieder ans Tageslicht gebracht. Wenn ich mich recht erinnere, war es ein Teil einer Johanniterfestung, also irgendwann in der Zeit der Kreuzzüge entstanden.

Es war etwas schummrig, im Halbdunkel packte Rebecca (unsere Reiseleiterin) 20 kleine Windlichter, 2 Flaschen Rotwein und die nötigen Gläser dazu aus. Langsam wurde es spannend. Die flackernden Lichter malten gespensterhafte Bilder und Konturen auf das alte Gemäuer und in Kerzennähe erstrahlte der Rotwein rubinrot. „Ich habe eine Bitte“, sagte Rebecca, nachdem eine abwartende, fast bedrückende Stille eingekehrt war. „Ich bin Jüdin, hier in Israel geboren und aufgewachsen. Meine Großeltern sind aus Deutschland geflüchtet in dieser schlimmen Zeit und haben unter widrigsten Umständen geholfen, den jungen jüdischen Staat aufzubauen. Meine Großmutter brachte mir die deutsche Sprache bei und erzählte mir ganz viel von den Schönheiten ihres Landes und ganz besonders lernte ich durch sie fast alle Grimms Märchen kennen. Ganz oft sang sie mir ein deutsches Volkslied vor. Das Gute-Nachtlied war immer wieder ,,Guter Mond, du gehst so stille“, und sie vergas nie zu sagen, das der selbe Mond auch in Deutschland scheine und überall in der Nacht würde er die Kinder beschützen.“ Wir waren tief ergriffen von ihren Worten, zumal sie sich an einigen Punkten recht kritisch zur deutschen Geschichte (Kollektivschuld) geäußert hatte. Wir tranken etwas von dem mitgebrachten Rotwein und sie bat uns, fast ein wenig schüchtern, wollen wir zusammen ein deutsches Volkslied singen?

Fragende ‚ unsichere Blicke, plötzlich sagte einer: „Heideröslein?“ Erst vorsichtig abtastend, langsam sicherer und zu meiner eigenen Überraschung fielen die Wörter wie von selbst aus dem Mund und wir sangen alle 3 Strophen mehr oder weniger gut zu Ende. Unsre Rebecca war sichtlich ergriffen. Es entstand ein unglaubliches Gemeinschaftsgefühl. Ganz langsam löste sich der Bann, ich schaute mich um und sah, auf den Treppen, und über uns, wie auf einer Galerie, standen ganz viele Menschen, am Rande der Ausgrabungsstätte, schauten und hörten uns zu und plötzlich fingen alle an zu klatschen. Auf Treppen und Stufen viele Menschen‚ und wir unten im Zentrum, viele Nationen beieinander. Ein Moment, den man nur schwer beschreiben kann. Unendlich schön, friedlich, beglückend, verbunden mit dem Wunsch, wenn es doch immer so wäre.

Beim Aufschreiben dieser Momentaufnahme ist mir erst klar geworden, wie sehr mich dieses Erlebnis beeindruckt hat. Auch nach Jahren steht es mit einem Schlag wieder plastisch vor mir, ein ganz besonderer Moment unserer Israelreise.

Hans Werner S.