Orte aus der Bibel

Ich bin Jahrgang 1932, ein Pfarrerskind, das aber den Pfarrer-Vater wenig erleben durfte, denn bereits im September 1939 wurde der Vater zur Wehrmacht eingezogen und kam erst 1946 aus einem französischen Gefangenenlager halb verhungert und sehr traurig und enttäuscht zurück. Er fand uns, seine Familie notdürftig in 2 Räumen hausend vor, denn die russischen Besatzer hatten das Pfarrhaus besetzt. Der Neuanfang fand dann in einem Ort statt, von dem aus wir Geschwister keine Oberschule besuchen konnten, der Bahnhof war 1,5 Stunden Fußmarsch entfernt. So mussten wir die Woche über außerhalb wohnen und konnten nur am Sonnabendnachmittag und Sonntag zu Hause sein. Der Sonnabend war damals noch nicht schulfrei. In Eisenach, wo meine Geschwister und ich die Oberschule besuchten, hatten wir den großen Vorzug; im Bach-Chor unter Ehrhard M. mitsingen zu dürfen. Das hat uns sehr geprägt und wir sind sehr dankbar für diese gute Zeit. In Eisenach hieß es bei den Oberschülern: entweder ihr seid im Bach-Chor oder in der FDJ. Ja, und wir sangen im Bach-Chor mit und das alles führte dann auch zu einer kirchlichen Ausbildung, obwohl ich Religionsunterricht bzw. Christenlehre nie erleben konnte. Ich erzähle das alles, um zu zeigen: die Kenntnisse über das Land Israel waren sehr mager und dass es bei den biblischen Geschichten ein reales Land Israel auch heute noch gibt, war kaum bis gar nicht im Bewusstsein!

Ja, und dann kamen die Ereignisse der Wende!

Eine neue Welt tat sich auf und auch Israel, das Land der Bibel, gab es wirklich und es konnte besucht werden! Eine fast unfassbare Möglichkeit!

Und so machten wir uns auch bald im Freundeskreis auf und besuchten bereits im Mai 1992 für 2 Wochen die Stätten, die wir aus der Bibel kannten. Es war eine Studienreise der ECC (Ecclesia Studienreise GmbH). Es war eine wunderschöne Reise! Es war eine sehr beeindruckende Reise!

Nun lernten wir Orte, die wir bisher mehr oder weniger nur aus der Bibel kannten, in Wirklichkeit kennen. Da war der Jordan, da gab es die Stadt Jericho, wir bestiegen den Berg Tabor, besuchten die Stadt Nazareth und lernten den herrlichen See Genezareth kennen. Unfassbar! Das alles gab es also nicht nur in den Berichten der Bibel, das alles gab es wirklich! Dazu ein herrliches Blühen und Grünen – wir hatten eine wunderbare Jahreszeit im Mai: die Rosen blühten, die Palmen, riesige Gummibäume standen auf den Plätzen und überall blühende Burgenville! Das alles gab es also wirklich. Und im See Genezareth wurde nicht nur gebadet, sondern er wurde auch mit dem Boot überquert und der berühmte Petrusfisch schmeckte vorzüglich.

An der Quelle des Jordan wurde das Taufwasser für den zu erwartenden Enkel in einer Flasche mitgenommen.

Das waren alles Erlebnisse und Eindrücke, die in den kühnsten Träumen niemals als Wirklichkeit erträumt worden waren! Die Dankbarkeit, das Staunen, die Freude waren groß! Natürlich besuchten wir auch Jerusalem mit dem Tempelberg und der Klagemauer, den Felsendom, sahen den siebenarmigen Leuchter mit der Geschichte Israels vor der Knesset, erlebten viele Menschen sehr unterschiedlicher Herkunft und Geschichte, Wünschen und Erwartungen und auch den ganz profanen Alltag: Bei einer Fahrt nach Bethlehem lernten wir die Hirtenfelder und eine Höhle, in der Jesus geboren sein könnte, kennen, besuchten natürlich auch die Geburtskirche und fuhren auf einen Berg zu einem Gartengrab, das gegenüber der Stadtmauer beim Damaskustor liegt, also außerhalb der Stadt und in so einem Grab könnte Jesus begraben worden sein.

Auch am Toten Meer haben wir noch gebadet und auch das Katharinenkloster und den Berg Sinai besucht.

Ja, aus der Bibel kannten wir all diese Orte!

Den Abschluss und die letzte Station war noch der Aufstieg zum Berg Nebo auf dem Mose stand und von dort aus das gelobte Land noch sehen durfte, das er aber nicht mehr besuchen konnte. Er starb auf dem Berg Nebo. Sein Grab wurde allerdings nie mehr gefunden. Der Blick ist gewaltig. Ein Stück des Toten Meeres, der Jordanzufluss, die Jordanebene fruchtbar und grün, Jericho und sogar Jerusalem ist bei gutem Wetter zu sehen! — Natürlich ist das kein vollständiger Reisebericht; das soll er ja auch nicht sein, aber vielleicht ist ein wenig zu spüren von der Faszination dieses kleinen Landes an der Nahtstelle zwischen Abendland und Orient.

Ursula M.