Reise mit einem Walfisch

Ich war noch nie in Israel. Trotzdem verbrachte ich im Heiligen Land einen Teil meiner Kindheit. Mein Vater ist Architekt. Er hat uns die Weihnachtskrippe gebaut, mit echtem Stroh auf dem Dach und angeklebtem Wüstensand auf dem Boden. Maria, Josef, das Jesuskind, auch zwei Esel und ein Ochse gehörten dazu. Vor Heiligabend weideten unsere Hirten die Schafe unter dem Weihnachtsbaum. Vom Ende des Wohnzimmers rückten die heiligen drei Könige auf den Kamelen näher, bis sie endlich am Dreikönigstag unser Bethlehem erreichten. Eine kleine Laterne in der Mitte der Krippe tauchte die Gesichter der Holzfiguren in warmes Licht. Am Heiligabend erschien der weiße Engel mit einem Stern in der Hand unter der Tanne. Die Hirten sammelten sich mit den Schafen um das Jesuskind. Ich hörte sie beten. Bald schnatterten Enten und Gänse herbei. Der Löwe lagerte sich neben den verletzlichen Pfau. Selbst ein entwaffneter Ritter verließ seine Burg. Unsere hölzernen Spielkameraden liefen zum Jesuskind. Wenn ich sie so anschaute, die Ellenbogen in den Teppichboden gestemmt, war ich in Bethlehem.

Später, im Kindergottesdienst umkreiste die Kinderschar schweigsam sechsmal eine Kartonstadt. Beim siebten Mal bliesen wir kräftig in kleine Papprollen, unsere Posaunen. Wie die Mauern von Jericho plötzlich zusammenkrachten! Ein anderes Mal drängten wir uns unter einem großen Tuch ins Innere des Walfisches. Jona war vor Gott weggelaufen, kopfüber ins Meer geworfen und vom Wal mit einem riesigen Bissen verschlungen worden. In dem schwarzen Walfischbauch eingeschlossen, waren wir alle froh, in diesem Dunkel nicht wie Jona allein zu sein. Das Tuch wurde weggerissen und der Fisch spie uns an Land. Am See Genezareth flickte ich kleine Netze zusammen. Ich hörte Jesus seine ersten Jünger zu sich rufen. Mit ihnen klammerte ich mich an das wackelige Fischerboot aus Stühlen. Und unser Jesus schnarchte inmitten der stürmischen Wellen! „Hosianna! Jesus zieht in Jerusalem ein!“ sangen wir und schwenkten Palmwedel auf seinem Weg. Hinter dem Gemeindehaus, auf dem Rasen, aßen wir mit den Fünftausend. Die Sonne schien, das Gras kitzelte und wir teilten miteinander unser Eiskonfekt. Ich wachte im Garten Gethsemane, ich lief den Kreuzweg hinauf, ich weinte auf Golgatha, ich steckte meinen Kopf ins leere Felsengrab und schenkte dem Engel für die kommende Nacht eine brennende Kerze.

Ich kenne alle Städte und Dörfer in Israel: Kapernaum, Kana, Nazareth, Bethanien und vor allem Jerusalem. Die Ebene, in der David den riesigen Goliath mit seiner Schleuder überwand, das Gebirge, in dem der tapfere David sich vor Saul versteckte, die einsame Wüste des Täufers. Kalte Nächte am Feuer, Schwitzen in der Glut der Mittagssonne, die ausgetrockneten Bäche, das Wasserholen mit Krügen, das süße Manna, klebrig am Morgen.

Das Radio, das Fernsehen, die Zeitungen sind voll von Nachrichten und Bildern aus Israel. Ernstes, Heiteres, Gefährliches, Unerhörtes, alles weckt die Aufmerksamkeit. Aus dem Hebräischen übersetzte Romane verkürzen die Nächte. Der Finger streicht in der Bibliothek über die Rücken der ‚Judaica‘. Schläfenlocken und Kippa rufen die Klagemauer in Erinnerung. Der Westwind treibt Wolkenballen und Wünsche bis ins ferne Heilige Land. Die Kindeserinnerungen fliegen im Sturm dorthin und mit ihnen auch ich. Ich werde Israel sehen, leibhaftig, mit meinen Augen. Und die Krippenfiguren, der Walfisch, das süße Manna: Sie alle sollen mich begleiten.

Lotte S.