Spurensuche

Auf diese Reise hatte ich mich schon soooo lange gefreut. Im Oktober 2011 war es dann so weit: auf den Spuren Jesu im Heiligen Land „das fünfte Evangelium erfahren“.
Sollten die sorgenvollen Bedenken vieler Mitmenschen zutreffen? Einerseits hört man in den Medienberichten erschreckende Nachrichten, und andererseits dürfen wir nie vergessen, was damals im Nazideutschland mit unseren jüdischen Mitbürgern geschehen ist. Welche Stimmung schlägt uns in Israel entgegen? Aber die Bedenken meiner Mitmenschen waren mir unwichtig, im Gegenteil: die Vorfreude hatte meine hoffnungsfrohen Erwartungen wachsen lassen, konnten diese Erwartungen überhaupt erfüllt werden?
Ja! Sie wurden alle erfüllt: anhand der Texte aus dem Evangelium besuchten wir die wichtigen Stätten unseres Herrn und durften Seinen Spuren nachspüren. Doch auf dieser Reise gab es auch unerwartete Begebenheiten, die nicht nur Spuren sondern tiefen Eindruck in mir hinterlassen haben, davon möchte ich erzählen:
Wir stehen am See Genezareth, an der Stelle, von der es heißt, dass Jesus hier den Petrus dreimal gefragt hat „liebst du mich?“. Es ist gut, dass jeder die Möglichkeit bekommt, sich an Ort und Stelle dem soeben gehörten Evangelium einzufühlen, am Ufer des Sees zu stehen, sich selbst diese Frage stellen zu lassen. Mein Blick geht zuerst in die Weite über den See, dann komme ich so nach und nach bei mir an und sehe auf den Boden, wo ich stehe. Scheinbar grober Sand, doch als ich diesen „Sand“ durch meine Hand rieseln lassen will, entdecke ich, dass es ALLES winzige Schneckenhäuser sind, nur millimeterklein. Dankbar weiß ich: wenn Jesus an d i e s e r Stelle nach meiner Liebe fragt, so nimmt Er auch meine winzig kleine Liebe an: meine Liebe, die so unscheinbar ist, dass selbst ich sie erst bei sehr genauem Hinsehen entdecke.
An einem anderen Tag laufen wir von dem biblischen Ort Caesarea Philippi nach Tabgha. Wasserfälle, das Auf und Ab des Weges entlang des Baches (dem Banias, ein Quellfluss des Jordan), grünende Bäume, die sich im Bach verwurzelt haben, schmale Uferpfade, … hier kann ich mir so gut vorstellen, wie Jesus mit Seinen Freunden entlang gegangen ist und sie in tiefe Gespräche und Gedanken eingeführt hat. Kein spektakulärer Ort, dieser Weg, nichts, das in den gängigen Reiseführern begeisternde Erwähnung findet – für mich persönlich jedoch sehr intensiv berührend und bewegend!
Unsere Reiseführerin Myra spricht einwandfrei deutsch, denn Ihre Mutter kommt gebürtig aus dem Ruhrgebiet und hat einige Jahre am Niederrhein gewohnt. Sie ist aus dem Nazideutschland ins „gelobte Land“ geflüchtet, dort ist Myra geboren. Myra liebt ihr Land Israel sehr, das merkt man ihr an. Nahe Jerusalem, überrascht uns Myra: zum Mittagsimbiss lädt sie unsere fünfzigköpfige Gruppe zu sich nach Hause ein. Ihre ganze Familie hat in liebevoller Sorge für uns ein wunderbares Essen zubereitet, diese persönliche Bewirtung geht über jede Erwartung hinaus. Ihr Ehemann, Herr Erez, hat ein kleines Weingut – nicht kommerziell, sondern für den Hausgebrauch. Er zeigt uns seine selbstgebastelten Gerätschaften, die er für seine Winzerarbeit benötigt. Es sind Leute, die nicht nur einfach ihren Job tun und unnahbar bleiben, es sind Menschen, sich ganz persönlich um unser Wohl kümmern!
Vor unserem Hotel in Jerusalem steht Bus an Bus, unsere Gruppe geht eilig, denn wir wollen pünktlich los. Auf der niedrigen Mauer vor unserem Hotel sitzt ein alter Mann; die vielen Sorgenfalten zeichnen ein Bild von Lebenserfahrung in sein Gesicht. Ist es ein Bettler? Schon streckt er seine Hand aus, als ich an ihm vorübergehe. Doch es ist keineswegs eine fordernde Hand: seine Hand berührt sachte meinen Arm, er sieht mich an. Sein freundlicher Blick spricht Bände. Nein, natürlich verstehe ich nicht die Worte, die er mir sagt – doch weiß ich es ganz sicher: er spricht mir Segen zu. Die behutsame Berührung seiner Hand geht mir durch Mark und Bein bis zu meiner Seele. Unsere Blicke treffen sich und ich sehe jede einzelne faltige Spur seines Gesichtes, es sind lebendige Spuren seines keinesfalls einfältigen, sondern vielfältigen Lebensweges. Mögen die Sorgenfalten seiner Seele mit liebender Sorgfalt reich gefüllt und geglättet werden. Es ist ein kleiner berührender Augenblick im Vorrübergehen: kein Souvenir, das ich in den Koffer packe und zuhause in den Schrank stelle: es ist ein überfließender Segenszuspruch.
Ja, die Erwartungen an unsere Israelreise wurden erfüllt; aber für mich sind es die unerwarteten und überraschenden Geschenke, die nicht nur Spuren, sondern Eindruck in mir hinterlassen haben. Es ist das Unbezahlbare, für das ich so dankbar bin!!!

Eva-Maria J.