Unbedacht

Auf meiner Studienreise durch Israel hatte ich ein beschämendes Erlebnis. Es war eine Reise mit religiösen und politischen Schwerpunkten, und natürlich ist eine Reise nach Israel in mancher Hinsicht so ganz anders als andere Studienreisen. Ohne die unsägliche Schuld, die Deutschland und die Deutschen auf sich geladen haben, ist das Thema “Israel“ nicht zu betrachten, und die Vergangenheit ist bei einer solchen Reise eigentlich ständig gegenwärtig und im Hinterkopf präsent.

Dass mir trotzdem eine Begriffsstutzigkeit sondergleichen passierte, die mir im Nachhinein – je länger, desto mehr – unglaublich peinlich ist, hätte ich so nicht erwartet.

Es war auf einer der üblichen Shopping-Touren für die Touristen. Israel ist nach der Börse in Antwerpen die zweitgrößte Diamantenbörse der Welt. Wir wurden also in solch ein Schmuckcenter geschleppt, wo das Gold und die Diamanten verschwenderisch ihre Pracht entfalteten und ein Heer von gewieften Verkäuferinnen und Verkäufern uns zu möglichst großzügigen Käufen verführen sollte. “Nur mal ansehen, probieren Sie doch mal“ – Ich kam mir vor wie bei Teppich-Händlern in der Türkei. Vielleicht lag es daran, dass ich eigentlich keine Lust darauf hatte. Die Preise waren horrend, weit über dem, was ich hätte zahlen können oder wollen, zumindest das, was mir hätte gefallen können. Auf jeden unserer kleinen Gruppe kam mindestens ein Verkaufsprofi und manches Geschäft wurde getätigt. Um mich “kümmerte“ sich eine ganz nette Dame, mit der ich in Englisch parlierte (also sie parlierte, ich hatte es etwas schwerer), und ich versuchte, ihr gleich zu erklären, dass ich nichts, aber auch gar nichts kaufen würde, sie möge doch bitte ihre Zeit nicht mit mir vertun! Trotzdem legte sie mir ein Smaragdkollier und Brillant-Diadem nach dem anderen vor und wechselte leise zur deutschen Sprache über, die sie ebenfalls perfekt beherrschte. Sie fragte, welchen Beruf ich hätte, wo ich wohne… “Oh“, ihre Augen leuchteten auf, “aus der Nähe von Trier, da kommen meine Eltern her!“ Und da passierte es. Ich strahlte sie ebenso erfreut an und fragte doch tatsächlich, wann sie das letzte Mal ihre Eltern in Trier besucht habe, denn dort hätte sich in der letzten Zeit viel verändert, neue Ausgrabungen seien gemacht worden… “Nein“, unterbrach sie mich leise und traurig, sie sei noch nie dort gewesen, es sei nur die Heimat ihrer Eltern, sie selbst sei in Israel geboren.

Mein Gott! Mir wurde glühend heiß! 1000 Gedanken gleichzeitig gingen mir durch den Kopf, aber ich sagte nichts Dümmeres als: “Sie sprechen aber so gut deutsch!““Meine Eltern haben immer nur deutsch mit mir gesprochen, wenn wir zuhause waren!“ Sie flüsterte fast. Und dass Ihre Eltern nicht mehr leben. Ich fragte noch, ob die Eltern denn jemals in die Heimat zurückgekehrt wären; nein, das hätten sie nie mehr gewollt, aber die Liebe zur Heimat und zur deutschen Sprache und Kultur immer im Herzen gehabt und ihrer einzigen Tochter vermittelt. Mir kamen die Tränen, und ich konnte nur sagen, wie leid mir das alles tut. Aber sie lächelte, legte kurz ihre Hand auf meine, und sagte: “Wir beide sind zu jung, um damit etwas zu tun zu haben, nicht wahr?“ Und dabei drehte und wendete sie die Schmuckschatullen professionell im Licht, denn die Aufsicht hatte uns auch im Blick, und Privatgespräche waren sicherlich nicht gern gesehen. Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Wenn ich seither in Trier bin, denke ich oft an sie. Ich hätte nach ihrem Namen fragen können, ihr mal schreiben können, aber ich habe es verpasst – dabei waren wir uns einen Moment lang so nah gewesen.

Elke S.