Verstehen wollen

Ja, ich habe das „Heilige Land“, Israel schon bereist. Es ist zwar schon einige Jahre her, da war es für mich so etwas wie „das musst du machen!“.  –  Warum sollte ich das tun? Ich wollte endlich das Land kennen lernen, deren Menschen in der Welt seit Jahrhunderten so viel Leid ertragen mussten, die allen Ausrottungsversuchen widerstanden und heute noch, nach tausenden von Jahren, immer noch da sind, ich wollte das Land und das Volk kennen lernen, über die ich seit frühester Jugend so viel gehört hatte, in Jungschar, als Konfi, in der Reli. Ich wollte wissen, was an den „Juden“ dran war.

Mein Vater hätte sich sehr gewundert, um es vorsichtig auszudrücken, er war einmal ein überzeugter Nazi. Und sein Sohn reiste nun in das „Judenland“. Ich habe erst Wochen, ja vielleicht Monate später begriffen, „was ich da getan hatte“. Es war eine Reise ins „Verstehen wollen“, ins „Begreifen wollen“. Es war eine Reise „in und mit der Bibel“. Und plötzlich waren wir alle zusammen im Gebet, im Staunen, beim Gedenken in Yad Vashem an das Grauen der Shoa.

Welch wunderbares Erlebnis war es, Caesarea zu betreten, Paulus war schon vor mir dort, welch herrlicher Anblick bot der Berg Hermon mit seinen von Schnee bedeckten Gipfeln, und wie gut konnte ich die Freude der Menschen verstehen, als Gott ihnen das gelobte Land versprach, es ihnen beschrieb und erst recht, als sie es erreicht hatten.

Der Jordan, Lebensader Israels, immer und überall präsent. An einem der Quellflüsse, wo der Banyas entspringt, konnte ich das Glück der Menschen nachempfinden: Wasser im Überfluss, die Zeit der Wüstenwanderung war endlich vorbei.

Ob es nun wirklich die Stelle war, wo Jesus von Johannes getauft wurde, ist eigentlich unerheblich. Am Ufer dieses Flusses stehen zu können, sein Wasser über die müden Füße laufen zu lassen, war schon ein Erlebnis der besonderen Art. Noch heute werden Königskinder, Prinzen und Prinzessinnen, mit Jordanwasser getauft.

Am See Genezareth habe ich leckeren Fisch verspeist, Petrus und seine Freunde ließen grüßen. Jedes Mal, nein, ganz oft, wenn ein besonderes Ziel erreicht war, kam so etwas wie „Gänsehautfeeling“ auf. Ob es Megiddo oder der Berg Tabor war, ob es die alten Mauern von Jericho oder die Höhlen von Qumran waren, immer und sofort sausten mir die alten Geschichten und neuen Erkenntnisse durch den Kopf: ich war in Israel, dem heiligen, gelobten Land!

Dann endlich: Jerusalem! Als wir zum ersten Mal durch eines der Stadttore gingen, las einer von uns aus Psalm 122 vor: „unsere Füße stehen in Deinen Toren, Jerusalem.“ Wir waren angekommen.

Das Kidrontal hin zum Ölberg: nachdem ich es durchschritten hatte, konnte ich mir die biblischen Ereignisse besser vorstellen. Ja, Jesus und seine Jünger „gingen hinaus zum Ölberg“. Und jetzt stand ich dort, schaute auf die Stadt Zion, auf ihre Zinnen. „Wachet auf, ruft uns die Stimme“, in unserem schönen, alten Lied wird der Blick, wird der Advent genau beschrieben. Ich habe Advent mitten im Sommer auf dem Ölberg erlebt.

Bethlehem war bedrückend. Palästinenserland. Kontrollen überall, im Anschlag befindliche Maschinenpistolen: Friede auf Erden. Die Altstadt weihnachtlich geschmückt. Mitten im Sommer. Trotzdem: Ich steh’ an deiner Krippe hier, trotz all des Trubels der Touristen und Militärs, der Händler und Feilscher. Meine kleine alte Weihnachts-Krippe zu Hause betrachte ich seitdem mit anderen Augen.

In der Wüste begegnete uns die Karawane der Königin von Saba, nach Luther die „Königin von Reicharabien“. Wir hörten gerade die passende Bibelstelle aus dem 1. Buch der Könige, als eine große Kamelherde aus den Dünen vor uns vorbei getrieben wurde. Nein, sie waren nicht mit Gold und Edelsteinen und Spezereien beladen, es waren einfach nur Kamele, aber in einer solch großen Anzahl, dass die Phantasie mit mir durchging. Man kann einen solchen Moment eigentlich nicht beschreiben, man muss ihn erlebt haben.

Die Gesprächsmöglichkeit mit Schalom Ben-Chorin war ein in die Tiefe gehendes Ereignis meiner Reise, nach Yad Vashem. Ein wunderbares Geschenk. Der Mann der gelebten Versöhnung saß mit mir am selben Tisch, sprach mit uns, gab uns Mut, uns, den Deutschen, die seine Brüder und Schwestern endgültig ausrotten wollten, was aber glücklicherweise nicht ganz geglückt ist. Der Mann der gelebten Vergebung hinterließ bei uns auf der einen Seite eine gewisse Befreiung, andrerseits eine große Hoffnung auf eine friedenszugewandte Zukunft des Heiligen Landes.

Als wir in unser Flugzeug für die Heimreise einsteigen wollten, gab es zum Abschied einen Bombenalarm auf dem Flughafen. Merkwürdigerweise hatte niemand von uns Angst um sein Leben. Auch ich nicht. Es war glücklicherweise ein Fehlalarm.

Schalom Israel.

Gerhard V.