Verzeihen

Anfang der 1990er Jahre durfte ich als noch junges Mitglied der von Helmuth R. geleiteten Gächinger Kantorei Stuttgart nach Israel reisen, um dort zusammen mit dem Israel Philharmonic Orchestra Felix Mendelssohns Oratorium Elias in mehreren Konzerten zur Aufführung zu bringen.

Wir flogen nach Tel Aviv und nahmen Unterkunft in einem der großen Hotels direkt am Strand.

Die ersten Tage meines Aufenthaltes waren einerseits geprägt von Proben mit Chor und Orchester, andererseits aber auch von zahlreichen Besichtigungen historischer Stätten und langen erholsamen Spaziergängen am Meer. Die Luft Israels atmet geschichtliche und religiöse Vergangenheit, die sich auch der jungen Sängerin nicht entziehen konnte.

Doch das Ereignis, das mich seit dieser Zeit in der Erinnerung nie verlassen hat, beendete eines der Elias-Konzerte im vollbesetzten Frederic R. Mann-Auditorium (ungefähr 2.760 Sitzplätze) in Tel Aviv. Der Schlussakkord war verklungen, der Applaus verebbt, der Saal begann sich zu leeren. Auch Orchester und Chor verließen die Bühne, so auch ich, die sich noch im vorderen Teil der Bühne neben der Sopran-Solistin Edith Wiens befand. Durch den Mittelgang des Auditoriums kam ein alter, leicht nach vorne gebeugt gehender und mit einer Kippa bekleideter Mann auf uns zu. Er war sicherlich älter als 80 Jahre. Der alte Herr wandte sich mir zu und sprach mich in gebrochenem Deutsch an. Er bedankte sich überschwänglich für die wunderbare Musik, die er durch uns und mich habe hören und erleben dürfen. Dann erzählte er mir von seiner furchtbaren Flucht aus dem Nazi-Deutschland und der schweren, ihn sehr belastenden Vergangenheit und Lebenszeit. Jetzt aber sei er glücklich und fast ein wenig versöhnt. Daraufhin nahm er meine Noten und schrieb mir auf Hebräisch eine Widmung hinein. Mit einem leichten Augenzwinkern bemerkte der alte Herr, dass er den kurzen Text wohl besser auch auf Deutsch für mich niederschriebe, da ich ja sicher kein Hebräisch könne, was ich mit dem Gefühl der Scham nur bestätigen konnte.

Dieser Text lautet:

„An Katharina mit aller Liebe.
Ich habe Dich kennengelernt durch die Musik
und mein Leben ist Dank Dir reicher geworden.“

Ebenso notierte er seine Adresse, dann umarmte er mich kurz und ging durch den Mittelgang wieder zurück zum hinteren Ausgang des Konzertsaals und verließ ihn. Ich blieb tief beeindruckt, ja fast erschüttert zurück auf der nun leeren Bühne.

Im Nachsinnen wurde mir klar, dass sich hier etwas ganz Wichtiges abgespielt hat. Ein alter Mensch hat kurz vor seinem Lebensende (als ich ihn ein Jahr später auf einer weiteren Konzerttournee in Israel besuchen wollte, lebte er nicht mehr) einen persönlichen Schlusspunkt unter seinen sicherlich furchtbarsten Lebensabschnitt zu setzen versucht. Felix Mendelssohns Musik hat ihn in ein Gefühl des Verzeihens gegenüber Hitler-Deutschland geführt, soweit dies überhaupt möglich ist!

Eine großartige Tat und ein wahrhaft großartiger Mensch, vor dem ich mich als einem Stellvertreter des israelischen Volkes mit großem Respekt verneige. Meine Aufgaben und meine Verantwortung als Deutsche sind mir seit diesem Erlebnis bewusst. Bislang theoretisch gebliebenes Geschichtswissen hat ein Gesicht bekommen, hat sich in einem persönlichen Schicksal gezeigt.

Meine Noten sind in der Zwischenzeit durch häufigen Gebrauch nicht mehr in bestem Zustand, ein Ehrenplatz in meinem Regal ist ihnen aber zeitlebens gewiss.

ISRAEL IST DAS LAND MEINER TRÄUME GEWORDEN.

Katharina H.