Wandern auf dem Jesus-Trail

Liebe Freundin,

ich habe dir versprochen, von meinem Weg auf den Spuren Jesu in Israel zu schreiben.

Hauptwege, Nebenwege, Stätten des Heiligen Landes – ich muss sie in mir noch bewältigen.

Von dem Gespräch mit einer Wanderkameradin möchte ich dir heute erzählen, wobei es mehr ein Austausch mit Blicken, mit Gesten, mit den geringen Deutschkenntnissen von Birte war. Sie hat mir anvertraut, dass ihre Arbeit als Pädagogin einen neuen, einen bereichernden Aspekt dazu gewonnen hat durch die Einbeziehung christlicher Werte, dass die Lebensführung im Glauben an Jesu Wirken in uns ihr für die Arbeit und im ureigenen Leben einen tieferen Sinn und einen größeren Halt gibt.

Ihre ersten Worte an mich waren, als ich zu verstehen gab, kein Englisch sprechen und nur wenig verstehen zu können, „auch Augen können segnen“. Mein rationaler Verstand hat sofort verbessert, dass sie mit segnen sprechen meint.

Darüber verging eine Nacht. Am nächsten Tag gingen wir wieder ein Stück des Weges nebeneinander und unser „Gespräch“ setzte sich fort.

Sie hatte gleichwohl segnen gemeint, denn Körper, Seele und Geist seien eine untrennbare Einheit, und nur weil wir den Geist nicht anerkennen wollen, werden wir seelisch krank. Birte arbeitet in einer Schule für psychisch geschädigte Kinder. Ich suche statt Worten ein Bild, das ich ihr beschreiben kann. Ich male mit Händen ein Haus in die Luft mit Wänden, die unser Körper bildet, umschließende Wände mit einem Medium darin – unserer Seele. Das Dach, das das Innewohnende schützt, ist der Geist. Nenne ihn Heiligen Geist; nenne ihn Kraft, außerordentliche Kraft; nenne ihn Segen. Ist das Dach brüchig, hat es offene Stellen, ist die Seele in Gefahr, durch Nässe und Kälte krank zu werden, die Wände verlieren an Halt, sie drohen einzustürzen.

Das Haus blieb die Wanderung über das Bild für den Austausch unserer Gedanken. Wir haben Begriffe gesucht, wie ein vom (Lebens)Sturm zerstörtes Haus wieder „heil“ werden kann. Alle gefundenen Bezeichnungen für unser Bild vom Haus, das uns Menschen Mensch sein lässt, konnten wir letzten Endes in einem Wort bündeln: LIEBE. Liebe gibt unserem Leben Halt – und sie wird mit zunehmendem Alter immer vielfältiger. Das Neugeborene braucht die Liebe der Eltern, um leben zu können; ein junger Mensch braucht die Liebe derer, die um ihn sind. Das sind mehr als nur die Eltern – Freunde, Lehrer, Menschen, die in Verantwortung zu diesem einen Menschen stehen. Aber dieser eine Mensch wird selbst auch lieben lernen, nicht nur wie das Kleinkind sich selbst. Die Eigenliebe wird mit zunehmenden Alter und Reife unwichtiger, vielleicht auch ein selbstverständlicher Teil des Menschen, der in Ritualen sein Leben gefestigt hat.

„Ich lebe dir zuliebe“, „ich tue etwas dir zuliebe“, was auch heißen kann einer Sache zuliebe. All diese Sätze sind wie ein Bumerang. Sie wirken auf mich zurück. Ich weiß, die Psychologen widersprechen dem, um an erster Stelle für die Eigenliebe zu plädieren mit dem Satz: „Nur wer sich selbst liebt, kann andere lieben.“

Stellt Gott die Eigenliebe an erste Stelle; hat Jesus sich mehr geliebt als seinen Auftrag im Leben; fragen die Sozialarbeiter in Slums an erster Stelle nach eigenem Wohlbefinden; ist es für eine Mutter an erster Stelle wichtig, dass es ihr gut geht?

Mein Mann hat mir nie zeigen können, wie sehr er mich liebt. Diese Sicherheit gibt mir, dass ich ihn mehr liebe als mich selbst. Bedingungslose Liebe stärkt mein Haus in seiner Ganzheit: Mein Körper fühlt sich wohl, wenn mein Mann, mein Kind, ein Freund mit mir spricht; meine innewohnende Seele wird ruhig, wenn ich spüre, dass es meinem Gegenüber gut geht; das Dach umfasst mich fest, wenn ich dem Dreieinigen Gott danke sagen kann für das Vertrauen.

Vor dem Fenster wird es Tag. Ich kann die alten, beständigen Linden im heller werdenden Himmel erkennen. Auf dem Tisch steht ein Teller mit Steinen und Wegrandblumen vom Jesus-Trail. Eine inmitten der (an)fassbaren Dinge brennende Öllampe, nachempfunden der aus dem ersten Jahrhundert nach Jesu Geburt, gibt den Steinen aus dem See Genezareth mit ihren von der Zeit geschliffenen, farbig abgesetzten Facetten eine Bewegtheit, die einem Lebenslauf vergleichbar ist.

Ich denke in Liebe an dich.

Adelheid G.