Weihnachten im Kibbuz

Draußen peitscht der Sturm die Schneeflocken gegen das kleine Dachfenster; in meiner heimeligen Stube riecht’s nach Bohnerwachs, während im uralten Kanonenofen das Holzfeuer knistert.
„Stille Nacht, Heilige Nacht“, die Friedensmelodie dieser Tage, erklingt dezent im Hintergrund.
Ein betörendes Duftgemisch aus Lebkuchen, Glühwein und Bratenfleisch durchströmt das ganze Haus. Bald, bald …
„Bum, bum, bum – wach auf, Karol! Steh auf“! Aus der Traum, es lebe die Wirklichkeit. Kein Stern, kein Mond erhellt die schmalen Gassen des kleinen Kibbuz Einat; es regnet in vollkommener Dunkelheit, gerade so, als schämte sich der Herrgott heute, an Heiligabend, für seine Schöpfung.
„Bum, bum, bum – biste wach? No mach endlich auf, oder soll ich hier absoifen“? Jetzt bin ich hellwach. Oh Gott, habe ich verschlafen? Um 04.30 Uhr beginnt meine Schicht in der Kibbuz-Wäscherei. Im Nu wühle ich mich aus der wärmenden Wolldecke, haste barfüßig und in Unterhose die vier Schritte durch den Raum zur Tür, reiße die auf und … vor mir steht der triefendnasse, gute, alte Shmulik. Zwischen seinen Lippen klebt die ihm scheinbar angeborene filterlose Zigarette.
„No, hab mir gedacht, werde Dich abholen. Sollst bei diesem Wetter nicht zur Laundry loifen. Biste noch miede“? Es dauert keine zehn Minuten, bis ich abmarschbereit bin; die Katzenwäsche muss jetzt mal genügen. „Bloß Meschiggene treibt’s heut Nacht auf die Gass“, knottert Shmulik weiter. „Gleich muss ich die Hiehner nach Haifa fahren. Hab auf der Worklist gesehen, dass Du heit friehe zur Laundry musst; sollst nicht loifen in der Näss“. Selten war ich so froh, Shmuliks lustig klingendes Deutsch-Jiddisch-Englisch-Gebrabbel zu hören, wie in dieser ungastlichen Nacht.
Shmulik, das ist der Ansprechpartner für uns Volontäre im Kibbuz. Allabendlich teilt er die Arbeit zu, ist da, wenn irgendwo Fragen auftauchen, erklärt uns jüdische Sitten und Gebräuche – er ist sozusagen unser Mann für alle Fälle. Ein 1.65 Meter kleines, drahtiges Energiebündel, knapp 50 Jahre alt, mit einem ausdrucksstarken Gesicht, aus dem zwei feurig-schwarze Augen lugen, die von vielen, kleinen Lachfältchen umrahmt sind. Sein Markenzeichen ist das volle, silbergraue, nach hinten gekämmte Haar, das Frauenherzen höherschlagen lässt. Und das ist der buschige, ebenfalls silbergraue Schnauzer, der die Oberlippe versteckt.
Bei der Laundry springe ich aus dem klapprigen VW-Transporter; wir winken uns noch flüchtig zu, keine Worte, die hätte der Wind sowieso weggefegt.
Es ist noch früh – ich bin alleine mit all den Waschmaschinen und Trocknern, mit den Pülverchen und Tinkturen und mit … Bergen schmutziger Wäsche.
Hier im Kibbuz muss niemand seine Wäsche selber waschen. Die Leute sortieren die Wäschestücke und werfen sie außen am Gebäude in gekennzeichnete Luken. Die Wäsche wird gewaschen, gebügelt und, wenn nötig, auch geflickt. Das Bügeln und Flicken übernehmen fünf ältere Damen, gemütliche, liebenswerte Omas, möchte man auf den ersten Blick meinen. Mit meiner Vorarbeiterin, Zessja, verbindet sie alle dasselbe Schicksal – sie sind Überlebende des Holocausts, den sie in Israel „Ha Shoa“, die Katastrophe, nennen.
Noch bin ich alleine mit meinen Gedanken und stolpere über die Wäschekörbe dem Lichtschalter zu. Wenn die daheim mich so sehen könnten, an Weihnachten, um diese Uhrzeit, inmitten dreckiger Wäsche … unwillkürlich muss ich grinsen. Daheim würde ich noch lange im Bett liegen, die Festtage feiern, Familienkrach genießen, mit Ungeduld warten, bis um 22.00 Uhr endlich die Kneipe Zuflucht bieten würde.
Es sind ungeordnete Gedanken; ich erkläre sie mir mit der gefühlsbeladenen Weihnachtszeit, mit der frühen Stunde und mit Gott-weiß-noch-was. Ich jedenfalls bin trotz alledem froh, jetzt hier in Einat zu sein und sonst nirgendwo! Und wenn es denn stimmen sollte, dass Heimat auch dort ist, wo man sich von Herzen wohlfühlt, dann liegt hier zweifellos ein gutes Stückchen Heimat für mich.

Karl B.