Wenn ich an Israel denke…

Wenn ich an Israel denke, denke ich an ein kleines Land, in dem auf engstem Raum verschiedene Kulturen, Lebensweisen und Religionen zusammentrafen und – treffen, zusammenstießen und – stoßen, zusammenlebten und- leben, sich gegenseitig beeinflussten und bereicherten – und das noch heute.

Ich denke an die Spuren vieler Völker und Kulturen, an die riesige Westmauer des berühmten Herodes-Tempels, an römische Trümmer in Cäsarea, an jüdische Festungen in Gamla und Masada, an byzantinische Mosaikfußböden, an verfallene Nabatäerstädte in der Wüste Negev, an mameluckische Steinquader in der Festung Nimrod auf den Golan-Höhen, an Kirchen aus der Kreuzfahrerzeit, an die vielen Moscheen im ganzen Land, besonders an den Felsendom und die El Aqsa-Moschee in Jerusalem, die wir aber wegen der aktuellen Unruhen nur von Ferne betrachten durften. Ich denke an die vielen Hochhäuser von Tel Aviv, einer Stadt, moderner und liberaler als Köln und Hamburg.

Ich denke an Jerusalem, die heilige Stadt der Juden, Christen und Muslime, wo Moscheen, Synagogen und christliche Kirchen dicht an dicht stehen, wo die Gläubigen aber keinen Kontakt miteinander haben. Besonders schmerzvoll wurde mir die religiöse Zerrissenheit in der Grabeskirche bewusst, wo sechs unterschiedliche christliche Kirchen (Griechen, Armenier, Lateiner, Kopten, Syrer und Äthiopier) ihr Terrain sichern, sich auf notwendige Renovierungsmaßnahmen kaum einigen können, nicht miteinander beten und die Auferstehung von Jesus gemeinsam feiern können.

Wenn ich an Israel denke, denke ich an die vielen Orte, wo Propheten die Botschaft Gottes weitergaben.

Ich denke an den bewaldeten Karmel-Rücken, wo Elija die Baalspriester vertrieb. Es ist verständlich, dass nur in diesem Land der Monotheismus entstehen konnte.

Ich denke an die vielen Plätze und Orte, wo Jesus lehrte, wo er den Menschen neue Sichtweisen vermittelte, sich von Gesetzesstarre löste und mehr Mitmenschlichkeit forderte. Wenn ich an Israel denke. denke ich an Yad Vashem, an die Shoa. Ich denke an die Lichterhalle, die an die 1,5 Millionen ermordeten, jüdischen Kinder erinnert, an die Kinder, die ihre Zukunft nicht leben durften. Ich denke an die fensterlose Gedächtnishalle, an die 22 Vernichtungslager. Ich denke an Ushi, unsere Reiseleiterin, die uns hier von ihrem oft leidvollen Leben in Deutschland berichtete, ohne Vorwürfe, ohne Hass.

Ich denke an das so oft unchristliche Verhalten der vielen Christen den Juden gegenüber.

Wenn ich an Israel denke, denke ich an eine faszinierende Landschaft, an fruchtbare Gärten- auch in der Wüste-, an Blütenbäume, an die vielen Farben und Steinformationen der Wüste, an Quellen und grüne Wasserläufe.

Ich denke an die riesigen Geier auf den Golan-Höhen, an die Klippschliefer in Banjas und an die Steinböcke und Hyänenspuren in En Avdat. Ich denke daran, wie ich im See Genezareth schwamm, der im Lichtdunst des hellen Tages endlos zu sein schien, allein zwischen grünblau glänzenden Eisvögeln und weißen Silberreihern.

Ich denke an den Jom Kippur Tag.

Wir besuchten zweimal die große Synagoge von Jerusalem und erlebten das intensive Beten vieler Juden, das Beten um Versöhnung, gerade in dieser Zeit des Unfriedens zwischen Juden und Palästinensern.

Ich denke an die fast schon alltäglichen Nachrichten über Tote auf beiden Seiten. Der Fanatismus vieler Menschen scheint im Hagel der Steine und den Antworten aus Gewehrläufen alle vernünftigen Lösungsmöglichkeiten zu vernichten.

Ich denke an das Beten der vielen Juden, Muslime und Christen an den einen Gott, der sofern zu sein scheint. Vielleicht können nur noch barmherzige Samariter von heute, barmherzige Palästinenser und barmherzige Israeli, die verhärteten Herzen aufbrechen und die Spirale der Gewalt aufhalten und ein neues Denken und ein neues Miteinander ermöglichen.

Wenn ich an Israel denke, denke ich an ein Land voller Widersprüche, aber auch voller Hoffnungen. Ein Land, das im Laufe der Jahrhunderte so viele Kriege und Auseinandersetzungen erfahren musste, wie kaum ein anderes Land, von dem aber immer wieder neue geistige Impulse ausgingen und es so zu einem Land des Segens wurde – trotz der Widersprüche.

Shalom Israel

Hildegard W.