Wie ich meinen Frieden fand

Immer wenn ich in Tel Aviv aus dem Flugzeug aussteige, ist in mir ein Gefühl des Zuhause Ankommens. Beim ersten Mal hat mich das überrascht, beim zweiten Mal hab ich mich auf genau dieses Gefühl gefreut. Dort ist dann auch Gott ganz spürbar in mein Leben getreten.

Ich wuchs in einer pietistisch geprägten, Israel-nahen Familie auf und bekam durch meine liebevolle Erziehung jüdische-israelische Aspekte konstant vermittelt, wie etwa das Shabbat feiern am Samstag; deshalb war es für mich immer ein Traum Israel zu bereisen.

Meine zweite Israel-Reise unternahm ich mit meinem Freund und Bruder Timon. Unsere Rundreise durch das Land begannen wir mit einem Besuch bei Freunden unserer Familien nahe Haifa, diese sind dort Milchbauern und man besucht sich schon seit Jahrzehnten immer wieder gegenseitig. Wir pflegen diese Freundschaft nun in der dritten Generation.

Durch die Wüste mit Zug und Bus nach Elat, ein Kurztrip nach Petra und dann über Massada und das Tote Meer hinauf nach Jerusalem. Immer wenn ich in Jerusalem bin, wohne ich im Jerusalem Hostel am Zionsplatz, und auf dem Dach desselben habe ich wohl die seltsamste und wunderbarste Erfahrung meines Lebens gemacht.

Wir gönnten uns eine Flasche Rotwein auf dem Dach, führten gute Gespräche und genossen den Blick über die Jaffa Road am frühen Abend. Plötzlich verstummte ich im Gespräch. Ich konnte keinen Satz mehr formulieren – noch viel Schlimmer, ich hatte aufgehört zu denken! Es war alles weg.

Verzweifelt stammelte ich, doch außer sinnloser begonnener Sätze bekam ich nichts heraus.

Mein Kopf war leer. Es war mir so, als hätte jemand auf „Pause“ gedrückt. Das verwirrte mich – ich musste mich übergeben. Mir war nicht übel, es war eher so, als müsste es raus. Timon war still, doch er war da. Wir umarmten uns, schwiegen lange – ich weinte. Dieser Moment war seltsam, äußerst befremdend und trotzdem schön.

Endlich war Ruhe in meinem Kopf. Seit ich denken kann, vor diesem Moment auf dem Dach des Jerusalem Hostels, hatte ich den Kopf voller Gedanken.

Gleich einem Strudel kam es mir vor, als würde ich auf meine Gedanken in meinem Kopf surfen. In diesem Wirbel verzweifelnd, des ausweglosen Zentrums entgegen, versuchte ich immer zu planen, jede Eventualität vor zu berechnen und alles was ich tat in verschiedensten Richtungen mehrere Schritte im Voraus zu ahnen. Dies war mehr als störend, weil sowohl Genuss als auch Entspannung auf normale Weise nicht möglich war. Ich konnte nicht aufhören zu denken!

Doch nun Stille und Freude, aber auch Angst des Ungewissen. In der Nacht lag ich wach und hörte Musik, musste mich ablenken. Ich konnte mit der Ruhe in meinem Kopf noch nichts anfangen.

Am nächsten Morgen konnte ich wieder reden. Ich dachte, der Strudel in meinen Kopf würde sich auch wieder einstellen, doch auch jetzt, nach beinahe 7 Jahren habe ich immer noch Ruhe in meinem Kopf.

Für dieses Geschenk bin ich Gott unglaublich dankbar. Im Nachhinein ist mir klar, dass mich dieser Strudel, dieses ständige Kalkulieren mich irgendwann zerstört hätte. Der entscheidendste Wendepunkt meines Lebens.

Doch seither Ruhe ich in mir. Ich bin glücklich, genieße den Augenblick und weiß mich geborgen in Gottes Händen. In Jerusalem hat Gott mir meinen Frieden gegeben. Ich liebte Jerusalem schon vorher, aber seit diesem Tag auf dem Dach des Jerusalem Hostels fühle ich mich als Teil dieser Stadt.

Sie ist für mich zu einem seelischen Zuhause geworden. Immer wieder schwärme ich in Gedanken dorthin, sitze im Cafe Hillel und trinke einen doppelten Espresso mit frisch gepresstem Orangensaft, rauche dazu eine „Noblesse“ und denke… nichts! Ich genieße das muntere Treiben auf der Jaffa Road oder schlendere ziellos durch die Gassen der Altstadt – in meiner Heimatstadt des Friedens….

Zum Glück konnte ich meine Frau auch dazu begeistern, dieses Land zu lieben. Wir verbrachten unsere Hochzeitsreise dort und nächstes Jahr, so Gott will, wollen wir wieder nach Israel.

Ruben L.