Wüstenfahrt

Dann kamen wir nach Beerscheba, die Stadt der Nomaden. In Beerscheba gibt es viele neue blitzblanke Häuser, eines wie das andere. Eine Schule dabei und ein Supermarkt. Hier sollen die Nomaden angesiedelt werden, sesshaft gemacht. Die Nomaden sind undankbar. Sie wollen nicht. Sie bleiben ein paar Wochen, vielleicht ein paar Monate. Dann sind sie weg, unauffindbar.

Früh am Morgen brechen wir auf. In unserem Hotel in Beerscheba gibt es Tee, Kaffee, Orangen- und Möhrensaft zum Frühstück und ein Lunchpaket zum Mitnehmen. Für eine Wüstenfahrt muss man sich gut rüsten. Noch ist es früh und kühl, das Licht sanft. Die Sonne geht auf. Die Mittagstemperaturen, sagt man uns, könnten wir gar nicht aushalten. Wie gut, der Bus hat Aircondition, wir haben Fotoapparate. Wir sind gut versorgt.

Jesus hat Aramäisch gesprochen, habe ich in der Schule gelernt. Wir fahren zu den alten Städten der Aramäer. Noch im Morgenlicht steigen wir enge Stufen steil hinauf. Wir halten uns fest an Mauerresten. Wir besichtigen Torbögen, Fenstersimse. Dann wieder Stufen. Hier war es. Was war hier? Am besten schnell fotografieren. Später können wir immer noch klären, was hier war.

Die Wüste südlich von Beerscheba ist eine Steinwüste. Steine in allen Größen und Formen. Riesenblöcke im rieselfein zermahlenen Sand. Kulissen von Wüsten-Bergketten, hintereinander aufgeschichtet bis zum Horizont. Die Falten bis zum Boden streng gezogen wie aus schwerem Brokat.

Einsteigen. Weiter. Vor elf müssen wir in Eilat sein, sonst wird die Hitze unerträglich. Da links, schwarze Figuren vor uns. Wüstentiere? Wir kommen näher. Wir haben Glück. Nomaden. Zwei Zelte, ein paar Ziegen, ein paar Frauen und Kinder. Schwarz auf dem Steingrau. Ein kleiner Hund kläfft.

Anhalten. Wir stolpern heraus. Wir bringen unsere Fotoapparate in Anschlag. Noch näher heran, dann kommen sie besser ins Bild. Die Nomadenkinder laufen ohne Lachen weg. Die Frauen schauen aus schmalen Schlitzen zwischen Kopf- und Mundtuch kurz zu uns herüber und drehen sich dann weg. Von diesem Motiv wird man doch besser Postkarten am Kiosk besorgen.

In der Nachmittagshitze dann, auf der Uferstraße am Toten Meer nach Norden ein wunderbarer Ort. Die Davidsquelle. Aus der Wüste Judäa stürzt ein Wasserfall in die Tiefe. Grün ist es hier und kühl. Uralte Ölbäume schenken ihren Schatten. Hier machen alle Rast, die auf dieser Straße reisen. Orthodoxe Juden, moderne israelische und palästinensische Familien, alle mit ihrem reichen Nachwuchs. Die einen von den anderen in gehörigem Abstand, versteht sich. Geschäftsreisende, Touristen — der Schatten und das Wasser gehören allen. Wir springen mit nackten Füßen in das Becken, das der scharfe Strahl seit Jahrtausenden ausgewaschen hat. Wir kühlen unsere Arme und Gesichter im eisigen Wasser.

„Ihr sprecht deutsch?“, fragt lächelnd ein Mann neben uns. Er fragt es auf Deutsch. „Wo kommt ihr her in Deutschland?“ Er sieht gut aus. Er hat dunkle Haare, weiße Zähne und eine goldbraune Haut. Er spricht Deutsch wie jemand, der schon lange eine andere Sprache spricht. Diese Art von Deutsch haben wir hier schon öfter gehört. „Ach“, sagen wir, „den Ort kennen sie nicht. Aus einer kleinen Stadt südlich von München.“ Man kann gut mit ihm flirten, dem ältlichen Israeli.

„Südlich von München?“, fragt er zurück. „Da war ich schon mal. Wie sagtet ihr, heißt der Ort?“

„Geretsried“, antworten wir. „Die Stadt können Sie nicht kennen. Die gibt es erst seit 1947, als die

Flüchtlinge in die leeren Barackenlager zogen.“ „In Geretsried“, sagt er, „haben wir Sprengstoff in Granaten gefüllt. Unsere Haut wurde gelb davon. Viele von uns kamen dorthin aus Dachau.“

Am nächsten Morgen, noch bevor die Sonne aufgeht, verlasse ich still das Hotel in Beerscheba. Ich gehe allein. Ich gehe zu Fuß. Ich werde nicht wiederkommen. Nichts nehme ich mit, denn von den mitgebrachten Sachen brauche ich nichts mehr. Ich suche keinen Wegweiser. Ich kenne den Weg. Links in der Wüste, in den graubraunen Steinen, stehen die Zelte der Nomaden. Der kleine Hund kläfft. Die Kinder laufen mir entgegen. Die Frauen warten schon im Zelteingang auf mich. Ich sehe in ihre Gesichter. Sie lächeln. Sie ziehen mich ins Zelt. Sie legen einen schwarzen Umhang um meinen Kopf und um meine Schultern. Ihre Hände sind sanft. An der Feuerstelle gießen sie den Tee auf — kochendes Wasser aus einer Konservendose in den Kessel. In meinem Becher schwimmt ein Zweig frisch duftende Pfefferminze. Mitten in der Wüste.

Ich bin angekommen. Meine silbernen Fußreifen klirren.

Maika D.