Zeitreise und Gegenwart – Ein Stimmungsbild

Dieses Land ist so schön, dass ich davon wach träumen kann. Wenn ich an den Duft der Gewürze vom Markt in Jerusalem denke, blitzen kurz darauf die wechselnden Farben der Wüste bei den Säulen des Salomon in mir auf. Zugleich spielt die schillernde Vielfalt der Fische im Roten Meer in meinem Kopf. Dann wiederum schweift mein Blick von den Hügeln in Nordisrael über die Weite, und die Aufbauarbeit der Kibbuzim, die fruchtbares Land aus den Sümpfen hervorzauberten, kommt mir in den Sinn. Ich philosophiere im Geiste mit den mittelalterlichen jüdischen Gelehrten in Zfath vor den vielen alten Synagogen. Wortfetzen tauchen aus dem Neuen Testament auf, wenn ein Fischerboot am See Genezareth bei einer leicht kühlenden Brise anlegt. Mit einem großen beinahe orangefarbenen Mond fahre ich nachts durch das Jordantal und bewundere die einstige Standhaftigkeit der Bewohner von Massada, wenn ich von hoch oben über die Salzwüste des Toten Meeres sehe und Lots Frau erahne. In Tel Aviv rieche ich „unser“ Meer, wodurch Israel an Europa und Europa an Afrika stößt. Ich wandere durch die Künstlerstätten in Jaffa und finde Schutz vor der brütend heißen Mittagssonne in den duftenden Wäldern westlich von Jerusalem oder an der Quelle der zauberhaften Oase En Gedi.

Dann wieder bestaune ich die Mandelblüten des frühen Frühlings und das verschwenderische Grün, das es nur in dieser Jahreszeit gibt. Ich bin fasziniert beim Blick vom Grabmal des Ben Gurion über die Negevwüste bis zum Sinai und denke an den mühsamen Zug der alten Israeliten, das rettende Manna und den brennenden Dornbusch. Ich weide mich an den eleganten Geschäften Tel Avivs und bin berührt von dem fast zeitlosen Mea Shearim, wo ich mich in längst vergangene Stetl Osteuropas mit ihren Wunderrabbis zurück versetzt sehe. Dann wieder bewundere ich den Glanz der Kuppel des Felsendoms, der der Silhouette Jerusalems ihr Strahlen verleiht. Ich schaue den verschleierten Frauen zu, wenn sie in der Altstadt hinter dem Damaskustor bei ihren Einkäufen feilschen. Ich spähe verstohlen in die Nomadenzelte in der judäischen Wüste, wenn ich von Jerusalem nach Jericho „hinunter“ fahre.

Ich lausche den Sprachfetzen aus ganz Europa, sehe die vielen Gesichter des Nahen Ostens, Nordafrikas, des Jemen, erkenne am Blumenschmuck der Wohnungen die Einwanderer aus Europa und höre bisweilen meine eigene Sprache – dort klingt sie wie aus einer anderen Welt. Ich bleibe stehen vor den Bethäusern und versuche die verschiedenen Gebetstöne aufzuschnappen, die der Sepharden aus dem Süden, der Ashkenasi aus dem Westen, der Mizrahim aus dem Osten. Ich juble mit dem Ton des Shofar zu Rosh hashana und bin eigenartig berührt, wenn ein langgezogener Ton den Beginn des Shabbat in Jerusalem ankündigt, während zu den Gebetszeiten im Osten der Stadt die Rufe zum muslimischen Gebet ertönen. Am Shabbat genieße ich die Autoruhe in Nachlaot und versinke im hundertfachen Gebetsraunen und Singen … Ich staune, schaue, rieche, lausche und reise auf meinem Traumteppich mit dem roten Wüstenwind über dieses wunderschöne, vielfältige Land.

Überall unter den uralten knorrigen Ölbäumen – besonders am Ölberg – gerate ich in eine Zeitreise, aus der ich beinahe nicht erwachen will. Es ist als würde Jesus sich gerade niederlassen und mit seinen Zuhörern sprechen. Sein 2000 Jahre altes Wort ergreift mich erneut, wirft erneut alle Fragen des menschlichen Lebens auf, auf die ER eine einzige Antwort gab: „Folgt mir nach!“ Hat mich schon der Besuch der Via Dolorosa und der Grabeskirche berührt, die mir aber von zu viel Geschäftigkeit umgeben waren, so versank ich vollends in eine umfassende Rückblende, als ich an einem ruhigen Tag vor Weihnachten die Geburtsgrotte unter der Kirche in Bethlehem besuchen durfte – weit vom Getriebe weg, unverändert über die Jahrhunderte, einfach aber Geborgenheit ausstrahlend, in sich ruhend. So also hat Jesus sich auf die Reise zu uns begeben. Sie ist einer jener Orte, die zeitlos sind, und Israel hat – für jede Religion des EINEN Gottes – solche Orte.

Leider gibt es aus meinem schönen Traum jedes Mal ein trauriges Erwachen, wenn ich aus Zeitungsnotizen oder bei einem Besuch im wie ein Gefängnis bewachten Land bestätigt bekomme, was ich dort unzählige Male erlebt habe – schmerzhaft, schrecklich und aus der Geschichte heraus verständlich sind die Angst und die Unsicherheit, aber auch der Hass, die unverheilt in diesem schönen, aber gequälten Land in biblischer Härte „zum Himmel schreien“. Dieser Schrei nach Frieden ertönt schon Jahrtausende und was hat sich wirklich geändert, seit Jesus vor 2000 Jahren von Versöhnung sprach?

G. Paul