Zurück zu den Wurzeln

Unser Vater wurde 1942 in Haifa geboren. Seine Eltern, meine Großeltern, hatten Nazideutschland als deutsche Juden schon recht schnell nach der Machtergreifung verlassen und waren in ein unbekanntes, heißes und noch recht unentwickeltes Palästina ausgewandert. Die Großeltern meines Vaters verblieben in Deutschland bzw. Holland. Ihre Spur endete 1942 in Auschwitz. Die Familie meines Vaters hatte in Haifa ein kleines, gut besuchtes Caféhaus. Wir haben uns oft gefragt, wie sie sich fühlten, als sie aufgrund der schlechten wirtschaftlichen und unsichereren politischen Lage 1955 im jungen Israel entschieden, nach Deutschland zurück zu gehen. Mein Vater lebt seitdem in Deutschland. Doch nicht nur die Familie väterlicherseits machte Erfahrungen mit dem jungen Israel: Meine Mutter, in einer katholischen Gegend Deutschlands aufgewachsen, pflückte im Kibbuz Snir in den 70er Jahren sechs Wochen lang Äpfel und schwärmt seitdem, ebenso wie mein Vater, von ihrer Zeit in Israel.

Die Entscheidung meiner kleinen Schwester, vor drei Jahren, nach dem Abitur für einen kurzen Kibbuzaufenthalt nach Israel zu gehen, war daher zu verstehen. Geplant waren allerdings nur 2 Monate. Heute studiert sie (auf Englisch) im Norden von Tel Aviv und hat Land und Leute lieben gelernt. Nun war die Neugier bei den übrigen Familienmitgliedern geweckt, die zwar den Bezug aber keinen persönlichen Eindruck von diesem Land hatten. Im Mai diesen Jahres brachen wir zu sechst, mit Eltern, Geschwistern und Partnern auf, Eretz Israel zu erkunden, meine Schwester in ihrer Umgebung zu besuchen und uns von Land, Leuten, Essen, Wetter, Bräuchen und heiligen Stätten beeindrucken zu lassen. Zu diesem Zweck teilten wir unsere Reise in zwei Abschnitte: im ersten Abschnitt nahmen wir an einer organisierten, siebentägigen Rundreise teil, den zweiten Abschnitt wollten wir für individuelle Ausflüge und persönliche Vorlieben reservieren. Wir mieteten als „Basis“ zu sechst ein Appartement in Netanya an der Mittelmeerküste, welches zum einen ein guter Ausgangspunkt für unsere Rundfahrt und die Ausflüge war, zum anderen eine perfekt ausgestattete Küche hatte, die einlud, die im Supermarkt oder auf dem Markt eingekauften landestypischen Lebensmittel zu genießen. Für den ersten Supermarktbesuch empfehlen wir vor allem ausreichend Zeit einzuplanen. Wir verbrachten beim ersten Besuch 2,5 Stunden dort und eroberten die fremde Welt der israelischen Produkte. Diese Oliven! Und der Humus! Falafel, das israelische Nationalgericht. Hmmmm….

Unsere organisierte Rundreise für sieben Nächte begann im beeindruckenden Jerusalem. Die Stadt der Städte, die himmlische Stadt. Es ist ein Erlebnis, die Stadt vom Ölberg zu betrachten, durch das Damaskus-Tor und die engen Gassen der Altstadt zu schlendern, die Via Dolorosa zu beschreiten, die Grabeskirche, den Felsendom und die Al Aqsa Moschee (beide von außen), sowie die Klagemauer  oder das moderne Jerusalem mit Knesset, den Schrein des Buches sowie den berühmten Yehuda Mahane ( Markt) zu erleben. Die Stadt der Städte, Tausende von Jahren alt, Tausende von Gläubigen beherbergend, Tausende von Besucher anziehend. Berührend. Ein Besuch sollte auch Yad Vashem beinhalten, die Shoa-Gedenkstätte.

Unsere Rundreise führte uns weiterhin durchs Westjordanland, nach Bethlehem zur Geburtskirche bis hinauf nach Galiläa und den Golan. Unabhängig davon, wie man die innenpolitische Lage des modernen Israel einschätzen und welche Meinung man dazu haben mag, bzw. ob man als „Ausländer“ die Kompetenz haben kann, diese schwierige Lage richtig einzuschätzen und sich ein Urteil zu erlauben; eine Fahrt durch das Gebiet, welches man in der Regel im deutschen Fernsehen nur in unruhigen Zeiten während der Tagesschau zu sehen bekommt, lässt nachdenken. Dazu muss sich ein jeder selbst eine Meinung bilden. Fakt ist, dass es eine moderne Transitstraße durch das Westjordanland, durch dieses bergige und wüstenartige, zum Teil besiedelte Gebiet, gibt, auf der wir mit dem Bus in Richtung Totes Meer fuhren. Das Tote Meer….. ein Erlebnis, das man im Leben nicht verpassen darf. Wir waren gleich 2x da, denn um die geschichtsträchtige Festung Masada, die Höhlen von Qumran oder das Kibbuz En Gedi mit der  Oase zu besuchen und zu besichtigen, reicht ein einziger Tag nicht aus. Nicht missen sollte man außerdem natürlich das obligatorische Bad im Toten Meer und die Schlammkuren, die zu herrlichen Fotos führen.

Im Norden von Israel besuchten wir die heiligen Wirkstätten Jesu, ob nun die Kirche der Brotvermehrung, das Haus des Petrus, Nazareth und den Berg der Seligpreisungen. Über Akko, Haifa, Tel Aviv und Jaffo ging es zurück zum Appartement. Wir besichtigten die Geburtsstadt meines Vaters und standen vor dem Haus, in dem er in den 1940er gelebt und aufgewachsen war. Dort, wo seine Erinnerungen begannen, an eine Zeit voller blühender Orangen- und Feigenbäume. Dort, wo die Großeltern ein neues Leben nach dem nationalsozialistischen Deutschland beginnen mussten. Und wir besuchten meine Schwester in Ihrem Alltag; Studieren im Ausland, der Landessprache nur langsam mäßig mächtig werdend, in einer gepflegten, höchst professionellen Hochschule, mit all ihren Freunden und ihrem Leben dort. Sie fühlt sich sehr wohl.

Ich will gar nicht länger über die Sehenswürdigkeiten dieses beeindruckenden Landes berichten, sie sind alle in den gängigen Reiseführern nachzulesen und würden den Umfang dieses Berichts sprengen. Was dort jedoch nicht steht, ist, wie aufgeschlossen, freundlich und hilfsbereit die Israelis sind. Überall wurden wir mit offenen Armen empfangen. Wann immer man mit einem Stadtplan für 20 Sekunden verloren zu sein scheint, wird man mindestens 3x gefragt, ob man Hilfe benötigt. Wildfremde Menschen eilten mit uns durch die Supermarktregale, um mit uns Salz zu suchen und empfahlen uns an der Fleischtheke ihre Lieblingsrezepte. Wir fühlten uns in diesem westlich orientierten und doch traditionsreichen Land voller bunter Aspekte von Anfang an sicher und wohl. Ein Land zwischen Geschichte und heute; ein junge, stolze, moderne Nation voller Herausforderungen und Traditionen; der Kontraste zwischen dem Glauben und dem Unglauben, das traditionelle Jerusalem und das modernste Tel Aviv, die Wüste im Süden und das Grün im Norden, Judentum, Christentum und Islam, Palästina und Israel. Man kann alles essen und überall die Toiletten benutzen. Wir sind gefangen vom Zauber. Wir kommen wieder.

Lyn S.